Der Rabe

Es war einmal in einem Land nicht weit von hier, doch unerreichbar für alle, die nicht an Wunder glauben. Ich war da und sah Sachen, wunderliche Dinge, sprechende Tiere, Feen und mächtige Zauberer, deren Kunst so groß war, dass sie ganze Königreiche verzaubern konnten.
Ich besuchte viele prächtige Schlösser und Burgen, da waren auch etliche goldene Paläste und in dem schönsten wohnte der mächtigste König des Zauberreiches. Er war nicht nur der klügste sondern auch der gerechteste König im ganzen Zauberreich. Selbst die sonst so scheuen Feen, die Lug und Trug nicht ertragen können, waren gern Gäste am Hof dieses Königs. War auch das Königsschloss das schönste im ganzen Land, die Dächer aus purem Gold, die Fenster aus feinstem Edelstein und Tische und Stühle aus bestem Ebenholz, so war doch das Wertvollste und Anmutigste im ganzen Schloss des Königs einzige Tochter, deren Schönheit und Klugheit im ganzen Land gepriesen wurde. Sie war des Königs ganzer Stolz und gerade zu der Zeit, als ich im Zauberreich war, kam die Zeit heran, da sie sich einen Gemahl nehmen sollte. Täglich war ein großes Gedränge im Schlosshof. Ihr könnt euch ja denken, dass jeder junge Mann und auch so mancher ältere davon träumte, der Mann der Prinzessin zu werden. War es doch üblich, sofort das halbe Königreich als Mitgift zu bekommen und später, wenn der König sich zur Ruhe setzen würde, das ganze Königreich zu erben.
Die Freier überhäuften die Prinzessin mit den schönsten Geschenken und jeder versuchte mit Prunk und Schönheit den anderen zu übertreffen. Doch noch war die Wahl nicht getroffen, nur einige der Herren wurden bereits nach Haus geschickt, da sie doch echte Raufbolde und Saufause waren. Und zwei waren dabei, die mit einem der mächtigen Zauberer im Bunde standen. Wäre es einem von diesen gelungen die Prinzessin zur Frau zu bekommen, wäre es ein großes Unglück für das ganze Reich gewesen. Aber ihre Schwatzhaftigkeit und ihre Prahlerei hatten sie vor der Zeit verraten.
Der König war daher sehr besorgt, könnten sich doch noch andere mit den bösen Zauberern verbündet haben, oder sich gar ein Zauberer selbst, getarnt als reicher Prinz, unter die Freier geschlichen haben.
So schickte der König nach den Feen, um mit ihnen zu beraten, wie man das Königreich gegen die Zauberer schützen könnte. Scheu betraten die Feen das Schloss, waren ihnen doch die Menschen mit ihren lauten Stimmen und groben Schritten sehr unangenehm. Aber was war der König traurig , als er von den Feen erfuhr, dass sie ihm nicht sehr viel helfen konnten und sie zu allem Übel noch feststellen mussten, dass einer unter den Gästen ein Zauberer sein musste. Feen, so müsst ihr wissen, spüren die Zauberkraft, aber sie können nicht erkennen, von wem die Kraft ausgeht.
So fragte der König, was er nun tun solle. Sollte er noch länger warten? Nein! Es könnte doch sein, dass sich noch mehr von diesen Zauberern auf das Schloss begeben würden. Und war der König auch reich, so war doch die Hofhaltung mit so vielen Gästen sehr teuer, so dass es nicht bis an das Ende aller Tag so weiter gehen konnte. Die Feen sprachen zum König: “Es ist besser, alle Freier nach Hause zu schicken und nur einen auszuwählen, den der König kennt und dem er vertraut und diesen dann der Prinzessin zum Manne zu geben. Dieses hörte die Prinzessin und war sehr unglücklich darüber, denn ihr Vater hatte ihr versprochen, dass sie sich selbst einen Gemahl wählen könne und er hatte doch noch nie sein Versprechen gebrochen. Da wurde der König noch betrübter, denn er durfte sein gegebenes Versprechen nicht brechen, aber wenn die Prinzessin den Falschen wählen würde, müsste er doch seine Tochter mit diesem vermählen, denn so gebietet es das Gesetz. War es doch sein Schwur, dass ein jeder, der auf das Schloss kommt, um die Prinzessin zu freien, auch mit ihr verheiratet werden sollte, wenn nur die Tochter des Königs ihn erwählen würde.
Da war guter Rat teuer. Da schlugen die Feen vor, dass die Prinzessin den Freiern Aufgaben geben sollte, die diese erfüllen sollten. Sie ermahnten sie auch, dass sie die Aufgaben gut wählen solle, so dass es keinem Zauber gelingen möge, die Prinzessin zu freien. Diesem Rat stimmten alle zu und damit war alles beschlossen. Genau so wurde es den Wartenden im Schloss kundgetan.
Als am Abend die Prinzessin mit ihren Hofdamen im Schlossgraten spazieren ging, war sie voll Sorge, denn sie musste Aufgaben ersinnen, die die Freier erfüllen sollten und sie musste sie so stellen, dass sie den herausfinden konnte, für den sich ihr Herz erwärmt und der auf keinen Fall mit dem Bösen im Bund steht. „Ach es sind immer die Berge, die vor einem liegen, die am höchsten sind, doch hat man sie erst erklommen, geht danach der Weg viel leichter“, seufzte sie. Wie sie also so ging und überlegte, sah sie einen Raben, der auf einem Rosenbusch saß. Als sie näher kam, sprang er auf den Apfelbaum und es sah aus, als ob er kleine Kunststücke vollführte. Oh, es war ein lustiger Geselle. Die Prinzessin sprach den Raben an, wie er denn wohl heiße. Darauf antwortet der Rabe nur mit seinem Gekrächze „Krah Krah“. Welch ein Wunder, ein Rabe der Krah-Krah heißt! „,Ei, Ei“, sprach sie „ein wenig mehr Phantasie hätten deine Eltern schon haben können, als sie einen Namen für dich ausgesucht haben!“ Ja, es gibt sicher Tausend mal Tausend Raben auf der Welt ,die Krah-Krah heißen. Aber so oft die Prinzessin nachfrage, so oft ließ er nur sein „Krah Krah“ hören. Ja es war fürwahr der wunderlichste Vogel, den sie je gesehen hatte. Über den Raben hätte die Prinzessin beinahe ihre Aufgabe vergessen, so dass ihre Hofdamen sie ermahnen mussten, weiter darüber nachzusinnen, welche Aufgaben sie nun stellen wollte. So sagte sie: „Die erste Aufgabe wird sein, dass nur derjenige am Hof bleiben darf, der mich am Morgen fragt, wie und was ich geträumt habe.“ So war es dem König mitgeteilt und beschlossen.
Am anderen Morgen ging die Prinzessin über den Schlosshof und grüßte alle Männer recht höflich und ein jeder fühlte sich geschmeichelt und viele priesen die Schönheit der Prinzessin und andere nette Dinge. Einige waren auch dabei, die nur von sich selbst sprachen, aber ein paar waren so galant und fragten die Prinzessin nach ihrem Befinden und auch, wie sie denn geschlafen hätte und ob und welche Träume sie gehabt hätte, diese Freier durften bleiben. Den anderen wurde mitgeteilt, dass sie leider die erste Aufgabe nicht erfüllt hätten und somit ihr Bleiben im Schloss nicht länger von Nöten wäre. So verblieben noch zwei Dutzend Männer am Hofe, die weiter um die Prinzessin werben durften.
Als all die, die nicht mehr hoffen durften das Schloss verlassen hatten, kamen die Feen zum König. In großer Hoffnung fragte er, ob nun die bösen Zauberkräfte verschwunden wären. Aber ach, was war der König traurig, als er hören musste, dass noch immer ein böser Zauberer am Hofe seien musste. Die Feen ermahnten die Prinzessin, die nächsten Aufgaben sorgfältig auszuwählen und darauf zu achten dass keiner die richtigen Lösungen erlauschen konnte.
So ging die Prinzessin des Abends wieder, und diesmal ganz allein, im Garten spazieren. Sie sann nach, welche Aufgaben sie noch stellen könnte, als sie durch ein lautes „Krah-Krah“ aus ihren Gedanken gerissen wurde. Lustig sprang der Rabe im Apfelbaum von Ast zu Ast, es sah ganz danach aus, als wollte er sagen: „Prinzessin spiel mit mir!“. „Ach“, sprach die Prinzessin, „du lustiger Vogel. Gern würde ich mit dir spielen, aber ich muss eine Aufgabe finden, damit es dem bösen Zauberer nicht gelingt, mein Gemahl zu werden.“ Der Rabe flatterte hin und her ließ sich Kopf über von einem Ast hängen und ließ seinen Rabengesang hören. Sie musste trotz aller Sorgen herzhaft lachen. „Ja ich könnte die Herren Prinzen und Könige bitte deine Kunststücke nachzumachen, aber da bliebe wohl keiner von den Herren übrig.“ Behände schwang sich der Rabe zum Rosenstrauch und brach eine Blüte ab, erhob sich in die Lüfte und ließ die Rose direkt vor ihre Füße fallen. Da wusste sie, was sie am nächsten Morgen für eine Aufgabe stellen würde und wie diese zu lösen sei.
Als nun tags darauf die zweimal zwölf Freier in den Schlosshof traten, ließ die Prinzessin folgendes verkünden: Bis zum Abend hätte ein jeder von ihnen Zeit ihr ein Geschenk zu machen. Dieses dürfe aber nicht größer und nicht schwerer sein, als dass man es in einer Hand tragen könne.
Was hatten die Goldschmiede, Schneider, Schuhmacher und andere Handwerker zu tun! Ein jeder der Freier wollte mit seinem Einfallsreichtum den anderen übertreffen. Und als die Zeit herankam, überreichten sie ihre Gaben der Prinzessin. Der eine hatte ein Paar Schuhe machen lassen, die waren ganz von Gold und mit Edelsteinen besetzt, ein anderer hatte einen künstlichen Vogel in der Hand, der die schönsten Melodien singen konnte und vieles dergleichen mehr. Nur zwei waren unter ihnen, zwei stattliche und schöne Prinzen aus den entlegensten Teilen des Zauberreiches, die nichts weiter hatten als eine wundervoll duftende rote Rose und diese waren es, die die Aufgabe erfüllt hatten.
Der König war nun froh, dass es nur noch zwei Freier waren und voller Zuversicht fragte er die Feen, wie es denn nun um den bösen Zauberer stünde. Doch auch dieses Mal konnten sie ihm keine andere Auskunft geben, als die, dass es noch immer eine starke, böse Zauberkraft unter den beiden geben musste. Wie konnte denn nur die letzte Aufgabe aussehen, um den rechten zukünftigen Mann der Prinzessin zu finden? „Der Ring der Königin, meiner lieben Frau und Mutter der Prinzessin, den sie mir auf ihrem Totenbett gegeben hat, der wird uns helfen, denn es ist ein Zauberring“, sagte der König. Die Prinzessin und auch die Feen waren sehr überrascht, denn von einem Ring dieser Art hatten sie noch nicht gehört. Als sie uns verlassen musste“, so sprach der König weiter, „da gab sie ihn mir und sagte, dass, wenn unsere Tochter in allergrößter Not sei, dann solle ich diesen Ring der Prinzessin geben und wenn sie ihn dann an ihren Finger stecke, so werde sie Hilfe erhalten.“ Er holte den Ring aus einer kleinen goldenen Schatulle und gab ihn der Prinzessin. Als sie ihn an ihren Finger steckte, erstrahlte der Saal im hellen Glanz. Die Tür öffnete sich lautlos und wie auf einer Wolke schwebend trat die Königin vor die Prinzessin. Die Augen von Mutter und Tochter füllten sich mit Tränen, denn weil das Schicksal es so gewollt hatte, hatten sie sich noch nie gesehen und Die Königstochter kannte ihre Mutter nur von dem Gemälde, das im Thronsaal hing.
Die Königin küsste ihr Kind liebevoll auf die Stirn und sprach: „Höre mein liebes Kind, nicht alles in der Welt ist so, wie es scheint. Das Böse verstellt sich oft, und selten sieht man sein wahres Gesicht. Wer dir eben noch Freude bereitete kann dein schlimmster Feind sein.“
Daraufhin verschwand die Königin wie sie gekommen war. Das war nun also alles, was die Königin zu sagen hatte. Kein Wort mehr und kein Wort weniger. Und als sie weg war, herrschte lange Schweigen. Da erhob die Prinzessin ihr Haupt und sprach: „Gebt mir Zeit bis morgen, dann lasst die letzten beiden Bewerber hier in den Thronsaal kommen.“ Darauf verließ sie den Saal und ging in ihre Zimmer. Dort ließ sie einige Diener, denen sie besonders vertraute, zu sich kommen und gab diesen Befehle.
Am anderen Morgen kam der Hofstaat im Thronsaal zusammen. Kurz darauf erschien der König mit den beiden Freiern. Alles wartete gespannt auf die Prinzessin, da wurde die Tür geöffnet und sie betrat den Saal, doch sie erschien nicht allein, denn ihr folgten zwei Diener, die so etwas wie eine hohe Kiste, die mit einem Tuch abgedeckt war, trugen. Den zwei Dienern folgte der Scharfrichter mit dem Block. Alle waren erstaunt über diese ungewöhnliche Prozession. Sie grüßte erst ihren Vater und dann die übrigen Anwesenden. Der König erwiderte den Gruß und fragte seine Tochter. „Was hast du vor, meine Tochter?“ „Ich“, so sprach sie, „werde die letzte Aufgabe stellen. Und meine Diener haben nur die Dinge hergebracht, die dazu nötig sind. Denn sehet dort unter dem Tuch sitzt der wunderliche Rabe, der seit drei Tagen Gast in unserem Garten war. Ich ließ ihn gestern Abend fangen. Die Aufgabe wird sein, diesen Raben mit dem Richtschwert zu töten.“
Alle im Saal erschraken, denn dies war eine allzu grausame Prüfung. Der König fragte die Prinzessin, ob dies denn nötig sei. „Diese und keine andere Aufgabe soll die letzte sein. Derjenige der den Raben richtet, soll mein Gemahl werden und der zukünftige König.“
So wählte der Könige den ersten Bewerber aus und befahl ihm den Raben zu töten. Der junge Mann aber erschrak und sprach, dass er es nicht tun würde denn das sei grausam und so eine Prinzessin, die so etwas wünsche, begehre er nicht. Der zweite sprang mutig vor und griff zum Schwert und holte zum Hieb aus. Da flatterte der Rabe wild auf und schrie gleich wie ein Mensch: „Tu es nicht, ich habe dir doch auch geholfen, die Prinzessin zu belauschen, so hilf du mir jetzt auch.“ Da ließ der Angreifer das Schwert fallen, da er nun erkannt war und die Wachen ihn schon ergreifen wollten. Er tat einen Zauberspruch, so dass er sich in eine Elster verwandelte und aus einem der Schlossfenster floh. Wie er eben das Freie erreichte, stürzte sich ein weißer Falke von oben auf ihn herab, packte ihn und flog davon. Niemand hat je mehr etwas von diesem Zauberer gesehen oder gehört.
Die Prinzessin ließ sogleich den Raben frei und sprach: „Da nun der Rabe entflohen ist, so ist die Aufgabe nicht mehr zu erfüllen. Zwei Freier waren es, doch einer flog dem Raben voraus, so ist nur einer übrig. So dieser um meine Hand anhalten will, so will ich ihm diese gerne reichen.“ Daraufhin kniete der Freier vor dem König nieder und bat um die Hand der Prinzessin und nach dem Willen des Königs wurden beide getraut. Die Hochzeit war ein großes und schönes Fest. Was sag ich? Es war das größte und schönste Fest, das es je gegeben hat. Für mich war es aber Zeit, das Zauberland zu verlassen und hierher zurück zu kommen, um euch diese Geschichte zu erzählen.

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