Der Schuhmacher und die drei Gesellen

Vor Zeiten lebte ein Schuhmacher, der ein wahrer Meister seiner Zunft war. Er hatte, wie man so sagt, goldene Hände. All seine Arbeiten waren etwas Besonderes. Wenn er Stiefel für einen Kaufmann machte, so waren es für wahr Siebenmeilenstiefel, so dass der Kaufmann schnell von Markt zu Markt eilen konnte. Die Schuhe für die jungen Mädchen waren so, dass sie auf der Kirchweih mit den Buben tanzen konnten ohne müde zu werden. Für die harte Arbeit machte er Schuhe, die nicht fehl treten konnten und so hatten alle Schuhe des Meisters eine besondere Art.
Mit seiner Arbeit hatte er ein erträgliches Einkommen und war mit sich und der Welt im Reinen. Der Schuhmacher hatte drei Gesellen. Morgens waren sie pünktlich bei der Arbeit und arbeiteten fleißig, bis der Meister die Werkstatt am Abend abschloss. Dann gingen die Gesellen wie alle anderen jungen Burschen in die Wirtschaft oder vertrieben sich sonst irgendwie die Zeit. Immer wenn sie noch spät an der Kammer des Meisters vorbei kamen, so brannte da noch ein Licht und im Schein der Kerzen sahen sie den Meister über Büchern gebeugt und lesend. Da wünschten sie eine gute Nacht und gingen zu Bett.
Eines Tages kam der erste Geselle und fragte den Meister, warum er denn jeden Tag bis spät in die Nacht noch in den Büchern lese, dies sei doch nicht mehr nötig denn seine Schuhe seien doch schon die besten , die ein Meister je machen könne. Der Meister antwortete, dass er jeden Tag etwas Neues in den Büchern finde, um am anderen Tag etwas Besseres schaffen zu können.
Am andern Tage kam der zweite Geselle zum Meister. Meister warum schneidest du das Leder so verschwenderisch, wenn du es sparsamer schneidest, so kannst du auf einem Stück Leder doppelt so viele Schuhe machen und kommst zu großem Wohlstand. Der Meister antwortet, dass ein jeder Schuh das richtige Leder bräuchte, damit der Schuh wohl geriet. Und die ehrliche Anerkennung durch die Menschen sei der größte Wohlstand, den er sich vorstellen könne.
Am dritten Tag kam der letzte Geselle und fragte den Meister: „Warum prüfst du jeden Tag die Leisten und den Faden als hättest du diese noch nie gesehen und wärst noch ein Lehrling und nicht ein hoch berühmter Meister ?“. „Ja“, sprach der Meister,“ ich bin nur ein Lehrling, denn wenn ich einen fertigen Schuh in der Hand halte, so finde ich bei jedem viele Dinge ,die ich noch verbessern kann“.
So glaubte nun ein jeder von den drei Gesellen genug gelernt zu haben und sie zogen fort. Sie machten auch ihr Glück und wurden alle drei Meister. Der Eine las in den Büchern, aber schnitt das Leder sparsam und prüfte seine Schuhe nicht sorgsam, ward aber mit seinen Schuhen zufrieden. Der Andere schnitt das Leder so, dass jeder Schuh das passende Stück bekam, aber er las nicht in den Büchern und prüfte nicht sorgsam, ward aber auch mit seinen Schuhen zufrieden. Der Dritte aber las nicht und schnitt auch sparsam, doch prüfte er die Schuhe sorgsam und war letztlich auch mit seinen Schuhe zufrieden. So geschah es aber, dass der eine nur Siebenmeilenstiefel, der andere nur nimmer müde Tanzschuh und der dritte nur Schuhe, die nie fehl traten machen konnten. All die anderen Schuhe waren von gewöhnlicher Art.
Da die drei nun selbst Meister waren, hatte sie auch Gesellen, die geradewegs so waren wie sie selbst beim alten Meister, fleißig und pünktlich aber leider auch auf Wohlstand und Behaglichkeit eifrig bedacht. Und als diese Gesellen nun wiederum Meister waren, war die Kunst des alten Meisters gänzlich verloren gegangen. Seit dieser Zeit gibt es nur noch Schuhe von ganz gemeiner Art.

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