Das Reisekönigtum

des Mittelalters als Mittel der Herrschaftsausübung am Beispiel von Friedrich I.

Inhalt:

1. Einleitung

2. Das Reisekönigtum im Mittelalter

2.1. Die Gründe des Reisekönigtums

2.2. Der reisende Hof

2.3. Reiseplanung, Reiseroute und Itinerare

2.4. Die Aufenthaltsorte

3. Das Reisekönigtum Friedrich I.

3.1. Der Umritt

3.2. Die Quellen und das Itinerar

4. Der Sitz des Herrschers Friedrich I.

4.1. Die Bischofsstädte mit Mainz als Beispiel

4.1.1. Das Mainzer Hoffest

4.2. Die Pfalzen

4.2.1. Der Pfalzenbau Friedrichs I.

4.2.2. Die Funktion der Pfalzen

4.2.3. Die Bauweise der Pfalzen

4.2.4. Die Verbindung von Stadt und Pfalz

4.2.5. Die Pfalz Gelnhausen

4.2.6. Der Hoftag in Gelnhausen

4.3. Die Burgen

4.3.1. Burgenbaurecht

4.3.2. Die Funktion der Burg

4.3.4. Burgtypen und Raumprogramm

4.3.5. Die Burgenbaukunst der Staufer

5. Die Reichslandpolitik der Staufer

6. Residenzen entstehen – Die Reiseherrschaft wird unmodern

7. Zusammenfassung

8. Ortsverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Mittelalter waren neben den Inhabern herrschaftlicher Funktionen, Menschen aus allen Schichten ständig unterwegs, deshalb werden einleitend die Bedingungen des Reisens geschildert, um im Nachhinein auf die Praxis des Reisekönigtums einzugehen. Europa bot sich aus verschiedenen Gründen zum Reisen an, denn es war verhältnismäßig dicht besiedelt, besaß viele Flüsse, das Meer für Schiffsreisen war relativ nahe gelegen und es existierten kaum hohe oder unpassierbare Gebirge. Es wurde vorwiegend in den warmen Monaten gereist, da in dieser Jahreszeit die Flüsse eisfrei waren und genügend Lebensmittel zur Verfügung standen. Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein bewegten sich die einfachen Menschen zu Fuß fort und führten Packtiere für Gepäck, Wagen, Reisewagen mit sich. Weltliche und geistliche Würdenträger, aber auch Bürger, Humanisten oder Künstler reisten dagegen zu Pferde. Die Lebensmittel und Vorräte wurden entweder mit etappenweise wechselnden Pferden, Wagen und Maultieren oder auf den Wasserwegen, transportiert mit Schiffen, was sehr schnell und bequem war. Die Reisegeschwindigkeit betrug bei rüstigen Erwachsenen 40 km am Tag, bei einem Reiter 60 km, Boote schafften flussabwärts 150 km und eine Galeere 200 km. Der Kaiserliche Hof erzielte im Mittelalter im Durchschnitt eine Reisegeschwindigkeit von circa 20 bis 35 km am Tag. Da die Bevölkerung auf das Gebot der Gastfreund¬schaft verpflichtet war, führten die Tagesleistung und die Nachfrage von Verpflegung und Unter¬kunft dazu, dass sich im Laufe der Zeit nach circa 20 bis 30 km Ortschaften entwickelten. Insbesondere Klöster nahmen Fremde und Reisende auf, denn erst im 11. Jahrhundert entstanden Gasthäuser. Im Spätmittelalter bildete sich ein dichtes Wegenetz heraus und bedeutende Fernstraßen wurden mit Brücken ausgebaut, mit Holz, Schotter oder Pflasterung befestigt und mit Klausnern als „Straßenwärter“ besetzt. Da die Reisenden des Mittelalters oft den schlechten Bedingungen des Wetters und der Quartiere ausgesetzt waren, war bei Vielreisenden der frühe Tod nicht selten. Als Folgen dieses intensiven Reisetums des Mittel¬alters können der Aufschwung der Städte, das Weitertragen von Neuerungen, die Durchmischung von Kulturen und die Verbreitung eines gewissen Wir-Gefühls in Europa angesehen werden. Nicht zuletzt war das Reisen auf Grund der zu dieser Zeit vorherrschenden ambulanten Herrschaftsausübung auch für den mittelalterlichen Herrscher erforderlich.

Wie sah das Reisekönigtum im Detail aus? Wo regierte der Herrscher? Wie sah sein Sitz im Mittelalter aus? Die Schwerpunkte dieser Arbeit liegen zum einen auf die Entstehung und Bedeutung des Reisekönigtums und dem Zweck dieser Herrschaftsform. Des Weiteren wird die Frage geklärt, weshalb die mittelalterlichen Herrscher ihre Politik und Ansprüche mittels Reisen geltend machen mussten. Was kann durch Itinerare aufgezeigt werden? Der zweite Schwerpunkt richtet sich auf die Aufenthaltsorte, also die zeitweiligen Herrschersitze der Könige, die im Detail besprochen werden. Anhand der ausführ¬lichen Betrachtung der Reiseherrschaft Friedrichs I. Barbarossa und der von ihm aufgesuchten Bischofstädte, Pfalzen und Burgen soll jene Regierungsweise verdeutlicht werden. Auf Grund der Vielzahl der Reisen und Fülle der Aufenthaltsorte Friedrich I. bezieht sich die Arbeit lediglich auf die Städte, Pfalzen und Burgen im deutschen Reich. Zur Beantwortung der Fragen wurde sich nicht nur auf historische Quellen, wie z.B. die „Gesta Friderici“ von Otto von Freising und Fachliteratur gestützt, sondern auch archäologische Ergebnisse und Befunde mit einbezogen. Hierbei ist besonders die umfängliche Literatur zur Pfalzenforschung, u.a. von Thomas Zotz, Rudolph Schieffer und Walter Schlesinger, hilf¬reich. Zum Itine¬rar und zum Reisekönigtum Friedrichs wurden Ferdinand Oplls Aufsätze und Monografien sowie verschiedene Aufsätze aus dem Katalog „Die Zeit der Staufer“ zur Ausstellung von 1977, genutzt.

2. Das Reisekönigtum

Das Reisekönigtum war seit der fränkischen Zeit und bis ins Heilige Römische Reich hinein die übliche Form der Herrschaftsausübung durch den König oder Kaiser. Doch auch deren Herrschaftsträger, die ihre eigene Politik oder die ihres Königs verfolgten, praktizierten diese Form der Reiseherrschaft und waren gezwungen ihre persönliche Einflussnahme durch eine gewisse Mobilität geltend zu machen. Schließlich war es im Mittelalter erforderlich, Rang, Stellung und Machteinfluss durch Selbst-Präsentation und Gesten deutlich zu zeigen.

Im Deutschen Reich war es ein alter Brauch, dass der König nach seiner Wahl und der Krönung die verschiedenen Reichsteile in Besitz und die Huldigung der Großen im Land entgegen nahm. Er begann seinen so genannten Umritt normalerweise mit dem Besuch der Reliquien der Heiligen Drei Könige in Köln, die als Prototypen der Reisenden und Pilger gelten. Daraufhin zog der König schnellstmöglich nach Rom, um dort die Kaiserkrone zu empfangen. Jeder christliche Herrscher des Mittelalters wurde nach dem Vorbild der Antike auf seiner ersten Rundreise in Klöstern und Städten von Behörden und der Geistlichkeit empfangen, die ihm unter Glockengeläut mit der Hostie, den Reliquien, Kerzen und Kränzen entgegen zogen. Nach dem Umritt wurde weiter durch das Land gereist, jedoch nicht mehr alle Stammesgebiete regelmäßig aufgesucht, sondern lediglich Schwerpunkte, die sich nach politischen und staatsrechtlichen Gegebenheiten, wie Außenpolitik, Krieg oder Unruhen richteten.

Umritt und Herrscherreise gehörte zu den weltweit verbreiteten Grundformen staatlicher Herr¬schaft und wurde in fast allen europäischen, christlichen Reichen, wie Wales, Irland, England, Frankreich, Spanien, Schottland, Schweden, Dänemark, Norwegen, Russland, Polen, Böhmen, Ungarn, Serbien praktiziert – selbst in Afrika sogar bis ins 19. Jahrhundert hinein und auf verschiedenen Südseeinseln betrieben. Das Reisekönigtum war eine Herrschaftsform die auf einer bestimmten naturalwirtschaftlichen Stufe der sozialen Entwicklung überall auftreten konnte. So besaßen Gebiete in denen es die Reiseherrschaft gab, eine recht lockere soziale und staatliche Struktur. „Naturalwirtschaft, Überschichtung von Bauern durch Krieger, lockere Vielgliedrigkeit der Herrschaft, personelle Herrschaftsbeziehungen, magische Vorstellungen, kurz Verhältnisse, die für jeden lehensartigen Herrschaftsaufbau typisch sind, konnten leicht zu einer solchen reisenden Regierungsweise führen.“ Nicht üblich war das Reisekönigtum dagegen im Islam, wo der Herrscher in einer Hauptstadt sesshaft war, umgeben von einem großen Hof und einer Zentralverwaltung. Ebenso waren in alten Städtekulturen des Mittelmeerraumes, Mesopotamiens, Indiens, Chinas und Japans die Herrscher im Mittelalter in der Regel in einer Residenzstadt sesshaft.

2.1. Die Gründe der Reiseherrschaft

Die Begründung des Reisekönigtums lag in der Notwendigkeit der Ausübung der Regierungsgeschäfte. Das Deutsche Reich im Mittelalter besaß keine Hauptstadt im heutigen Sinne, der Herrscher hatte also keine feste Residenz und es existierte kein zentraler Verwaltungsapparat. Somit musste das Land von ständig wechselnden Orten aus regiert, die Herrschaft im Reisen ausgeübt und vor Ort immer wieder zur Geltung gebracht werden. Es fehlte also eine geografische Mitte, was bedeutete, dass dem Reich durch die Person des Kaisers zumindest eine personelle Mitte gegeben wurde. Kennzeichnend für den mittelalterlichen Personenverbandsstaat waren persönliche Beziehungen und somit die Allgegenwart des Königs, der die Regierung überall selbst ausübte und persönlich eingriff das Ideal. Das mittelalterliche Staats¬wesen funktionierte nach der damaligen Herrscherauffassung nur da, wo der Herrscher anwesend war, d.h. die königliche Herrschaft war nur dort wirksam, wo der Herr¬scher selbst in Person erschien. Ferner musste der König seine Autorität fühlbar machen, indem er beispielsweise Szenerien für glanzvolle Auftritte schuf, etwa bei einem Hoftag oder großem Fest. Die wichtigsten Feste des Kirchenjahres wurden auf den Pfalzen oder Bischofsstädten im königlichen Kerngebiet gefeiert. Vom 10. bis 13. Jahrhundert geschah dies mit einer feierlichen Prozession, der so genannten Festkrönung, bei der der König im Königsornat vom Palast zur Kirche schritt und sich dem Volk darstellte. Zu dieser Selbstdarstellung gehörte ebenso der feierliche Herrscherempfang beim Einzug in Pfalzen, Klöster und Städte. Das Reisekönigtum diente daher auch dem besseren Überblick über das Reich und gleichzeitig er¬möglichte es die Kontrolle über lokale Fürsten. Zudem musste auf Grund der lockeren Besiedlung Europas im Früh- und Hochmittelalter ein gewisser Zusammenhalt geschaffen werden. Die höchste Pflicht des mittelalterlichen Herrschers war es, den Frieden zu wahren. Dafür musste er sich das Wohlwollen und den Rat der Großen aus dem Reich, also Fürsten, Bischöfe und lokale Gewalthaber, sichern, indem er sie zu Hof- und Reichstagen um sich versammelte. Nur durch ihre Hilfe konnte er seine Beschlüsse geltend machen. Zudem musste er allerorts Recht sprechen, da kein gleiches Recht für alle Menschen galt, sondern viele verschiedene Rechtskreise existierten. Ein weiterer entscheidender äußerst wirtschaftlicher Grund für das Reisen des Königs war der hohe Versorgungsaufwand des königlichen Hofes, dieser konnte nicht lange nur einem Ort zugemutet werden. So verteilte der König durch relativ kurze Aufenthalte, die Last auf mehrere Gebiete. Die nur dezentral vorhandenen Vorräte wurden demzufolge auch dezentral verbraucht.

2.2. Der reisende Hof

Der König reiste üblicherweise mit vollem Hofstaat, dessen Mittelpunkt der Herrscher und seine Familie bildeten. Zum Hofstaat zählten zahlreiche Hofgeistliche, die in der Hofkapelle organisiert waren. Ihre wichtigste und auch edelste Aufgabe bestand darin, den Gottesdienst am Herrscherhof durchzuführen. Weiterhin widmeten sie sich der Obhut der Reliquien, und waren als Hofarzt, Hofarchitekt oder Prinzenerzieher beschäftigt. Sie führten außerdem die Kanzlei, die die schriftliche Verwaltungstätigkeit des Hofes und die diplomatischen Angelegenheiten des Herrschers unterhielt. Sie sorgten sich um die Akten, verschiedene kirchlichen Gerätschaften, wie Tragaltäre (Abb. 1), liturgische Gewänder und Messbücher, die stets mit auf Reisen waren. Zur Verwaltung gehörten die unterschiedlichen Hofämter des Truchsess`, des Kämmerers und des Marschalls. Weiterhin zählten dazu der Küchenmeister, der Forstmeister und der Jägermeister. Zu jedem dieser Ämter gehörte weiteres Personal, das zumeist von Familienangehörigen der Ministerialen besetzt wurde. Adlige Gäste, die aus der Liste der Urkundenzeugen zu entnehmen sind, reisten ebenfalls mit, sowie Diener für die untergeordneten Tätigkeiten und Soldaten für den Schutz. Die Größe des Königshofes konnte beträchtlichen Schwankungen unterliegen und Schätzungen sind sehr schwierig, da es einen ständigen Wechsel der adligen Mitglieder gab und nur wenige Personen über einen längeren Zeitraum hinweg am Hof blieben. In unruhigen Zeiten, umfasste der Hofstaat mehr Personen, da z.B. mehr Soldaten erforderlich waren und an Reichs- und Hoftagen versammelten sich zusätzlich noch Fürsten mit ihrem Gefolge an diesem Ort und so konnten tausende Anwesende möglich sein.

2.4. Reiseplanung, Reiseroute und Itinerare

Diese permanente Reisetätigkeit erforderte notwendigerweise eine sehr umfangreiche und gründliche Organisation, Planung und auch Verständigung. Damit sich die Aufenthaltsorte auf die bevorstehende enorme Belastung vorbereiten konnten, waren die Königsreisen auf Monate im Voraus geplant. Aus organisatorischen Gründen mussten Boten in beträchtlicher Anzahl vorgesandt werden, um die geplanten Aufenthaltsorte des Herrschers bekannt zu geben. Eine weitere Aufgabe der Boten bestand darin, wichtige Persönlichkeiten zu den Hof¬tagen rechtzeitig einzuladen. Zu den Vorkehrungen für das Reisen gehörte beispielsweise die Vergabe von Privilegien für Herrschaftsträger an Passstraßen zur Sicherheit der Reise und der politisch-militärischen Absicherung - dies wird Alpenpasspolitik genannt.

Die Reiseroute des Königs wurde vorwiegend durch politische Angelegenheiten bestimmt, aber auch durch die Lage der Land- und Wasserstraßen, der Königspfalzen, Bischofs¬sitze und jene Orte die zur „servitium regis“ der Königsgastung, verpflichtet waren. Sicher¬lich spielte auch eine Vorliebe für gewisse Orte, wie Familienklöster oder Jagdgebiete eine be¬acht¬liche Rolle und so waren die Könige geneigt, sich in der Nähe ihres Hausgutes oder dort, wo es genug Reichsgut gab, aufzuhalten. Wenn der Herrscher in einigen Regionen weniger oft zugegen war, konnte das auch heißen, dass seine Hoheit dort unangefochten und seine Anwesenheit also nicht von Nöten war. Die wichtigsten Straßen der Merowinger, Karolinger, Ottonen, Sachsen, Salier und Staufer verliefen im Westen von Utrecht über Mosel, Rhein und Bündner Pässe bis nach Italien, im Osten von Magdeburg über Bamberg, Nürnberg, Regensburg, Augsburg, Brenner nach Italien. Dazwischen gab es Querverbindungen, wie den Hellweg von Dortmund nach Magdeburg, die Mainzstraße von Mainz bis Bamberg und den Weg vom Bodensee an der Donau entlang nach Regensburg.

Die Summe all der herrschaftsbezogenen Reisen des Königs, das so genannte Itinerar gibt Aufschluss über dessen Regierungstätigkeit. Julius Ficker bezeichnete das Itinerar als das „feste Gerippe der Reichsgeschichte“. Die Quellen, die für die Erstellung eines Itinerars heran¬gezogen werden sind Urkunden, historiografische Zeugnisse wie Annalen und Chroniken und Erwähnungen der Anwesenheit des Herrschers in Privaturkunden oder Rechtsdokumenten, die von geistlichen und weltlichen Fürsten ausgestellt wurden. Außerdem werden Itinerare von Personen aus dem Gefolge des Herrschers ausgewertet und Wahrscheinlichkeiten und Rekonstruktionen eines Aufenthaltes hinzugezogen. Es ist zudem möglich, Itinerare verschiedener Herrscher zu vergleichen und dadurch gewisse Orte als „vermutlich aufgesucht“ einzutragen. Kaiserliche Urkunden bieten exakte Daten, wie den Ort und das Datum, für die Rekonstruktion der Aufenthaltsdauer und den Wechsel der Aufenthaltsorte. Jedoch kann ein solches Dokument auch eine uneinheitliche Datierung aufweisen und so besteht nicht selten ein Unterschied zwischen dem „actum“, der Rechtshandlung an sich und dem „datum“, der Beurkundung des Rechtsgeschäftes. Diese Tatsache ergibt sich daraus, dass im Mittelalter deutlich mehr Wert auf die Rechtshandlung, als auf die Beurkundung, die manchmal zeitlich getrennt stattgefunden hat, gelegt wurde. So kann die Datierung ein- und derselben Herrscherurkunde auf zwei zeitlich voneinander getrennte Aktivitäten oder auch auf zwei verschiedene Aufenthaltsorte zu beziehen sein. Anhand der Auswertung all jener Quellen können ItinerarKarten gezeichnet werden, die entweder die Orte und die Anzahl der Aufenthalte erkennen lassen oder den Weg in Linien darstellen. Diese Linien-Darstellung kann, besonders jedoch bei einer solch langen Regierungsdauer wie bei Friedrich I. äußerst unübersichtlich erscheinen. Gleichwohl bieten Itinerarstudien einen guten Eindruck von der Weite des mittelalterlichen Reichsgebietes und konnten belegen, dass die Herrscher oft feste Reiserouten einhielten.

2.4. Die Aufenthaltsorte

Während seiner Reisen kehrte der König auf Pfalzen, Burgen, Bischofssitzen und in Städte ein. Diese Orte lagen oft an so genannten Zwangspunkten, folglich dort wo sich viele Verkehrswege kreuzten, wie z.B. an günstigen Flussübergängen, Gebirgspässen oder Landbrücken. Im Grunde blieb der Herrscher nur in den Wintermonaten für einen längeren Zeitraum an einem Ort, ansonsten verweilte er immer nur sehr kurz. Seine Aufenthalte fanden unter variierenden Bedingungen statt: wenn dort, wo er verweilte, Reichsgut vorhanden war, kehrte er sozusagen bei sich selbst ein, ansonsten war er Gast und die Qualität seiner Bewirtung hing von dem Wohlwollen seiner Gastgeber ab. Je höher der Rang des Herrschers, umso höher war die ihm geschuldete Gastung. Die wirtschaftliche Grundlage war die Gastungspflicht, deren zeitlicher und materieller Umfang sehr verschieden war und die Kirche und die Städte sehr stark belastete. Die Orte, an denen sich der Herrscher aufhielt, mussten gut begütert sein, um die Versorgung des königlichen Hofes sichern zu können. Als Beispiel für diese große Belastung sei hier aufgeführt, dass der Hof Ottos I. täglich 500 Schweine und Schafe verspeiste.

Da die Quartierbereitstellung oft sehr schwierig war, mussten der Kaiser und besonders die anderen Adligen bisweilen im Zelt schlafen. Diese wurden wiederum auch bei Kreuzzügen, Pilgerreisen, Turnierfahrten und Wegen zu großen Fürstentagen genutzt. Das Zelt war sozusagen eine mobile Burg. Zeltdach und Wände bestanden oft aus kostbaren orientalischen Seidenstoffen, mit Wappen und figürlichen Darstellungen geschmückt. Friedrich I. beispielsweise, erhielt als Geschenk des Königs Heinrichs II. von England „…ein riesiges prachtvolles Zelt. Wenn du nach seiner Größe fragst: es konnte nur mit Maschinen und Werkzeugen alles Art und mit Stützen gehoben werden; wenn du nach seiner Beschaffenheit fragst: ich glaube, es kann weder im Material noch in der Ausführung jemals von irgendeinem Gerät dieser Art übertroffen werden” , und im Jahr 1189 erhielt er von der Königin von Ungarn: “…ein sehr schönes Zelt, und darüber eine Zeltkuppel aus Scharlachstoff und Wandbehänge, entsprechend der Höhe und Länge des Zeltdachs.”

3. Das Reisekönigtum von Friedrich I.

3.1. Der Umritt

Die Reisetätigkeit begann bei jedem Herrscher mit dem Umritt und auch Friedrich I. nahm auf diese Weise die verschiedenen Reichsteile in Besitz und ließ sich von den Fürsten des Landes huldigen. Am 4. März 1152 wurde er in Frankfurt, dem alten Pfalzort am Main, zum König gewählt. Sofort danach ließ er sich durch die Fürsten den Treueid schwören und am 9. März, folgte traditionell in Aachen die Salbung, Krönung und Thronsetzung. Durch den sich anschließenden Umritt durch das Reich und das Eingreifen in lokale Streitigkeiten, festigte er zusätzlich seine herrschaftliche Stellung. Nachfolgend soll stichpunktartig der Umritt Friedrichs I. aufgeführt werden, um die starke Reisetätigkeit anhand eines Jahres zu verdeutlichen: Am 30. März 1152 feierte er in Köln das Osterfest, am 18. Mai führte er in Merseburg einen Reichstag durch, im Juni 1152 hielt er sich in Regensburg, der bayrischen Herzogsstadt, auf, im Juli und August fand ein Hoftag in Ulm statt, auf dem ein Landfrieden für das Reich verkündet wurde, im Oktober fand wiederum ein Hoftag in Würzburg statt, das Weihnachtsfest feierte er in Trier, im Jahr 1153 zog er nach Burgund und im März 1153 besiegelte er in Konstanz den „Konstanzer Vertrag. “

3.2. Die Quellen und das Itinerar

Die „Gesta Friderici“ von Bischof Otto von Freising, dem Oheim Friedrichs I., ist auf Grund ihres Detailreichtum als beste historiografische Quelle der Frühzeit der Stauferregierung zu sehen. Sie wurde 1157, also sehr zeitnah, verfasst. Unbedingt hinzuziehen sind die Urkunden, die Friedrich I. während seiner Regierungszeit ausstellte. Weitere Aufschlüsse über die Reisetätigkeit Friedrichs geben zeitgenössische italienische Stadtchroniken, wie beispielsweise die Morena-Chronik , die trotz einer stauferfeindlichen Tendenz sehr genaue Einzeldaten liefert. Zusätzlich sind klösterliche Annalen, die jedoch nur bei großen Ereignissen oder Besuchen im Kloster mitteilsam sind, seltener Privaturkunden, die doch wertvolle Ergänzung des Wissens sein können, verfügbar. Anhand dieser Itinerarstudien lassen sich die Wege Friedrichs I. im kleinen wie im Groben nachzeichnen. Im Groben gesprochen, besuchte er sowohl Lübeck im Norden als auch Rom im Süden, er reiste vom belgisch-französisches Grenzgebiet im Westen bis nach Polen im Osten. Das frühe staufische Imperium bestand aus drei Königreichen, dem deutschen, dem italienischen sowie dem burgundischen und dieses riesige Gebiet musste erfasst werden. Größtenteils hielt sich Friedrich im deutschen und italienischen Raum auf. In den 38 Jahren seiner Regierung verweilte er, insgesamt 23 Jahre im deutschen Bereich, von 1152 bis 1154, von 1155 bis 1158, von 1162 bis 1163, von 1164 bis 1166, von 1168 bis 1174, von 1178 bis 1184 und von 1186 bis 1189, die Jahre dazwischen kennzeichnen die sechs Italienzüge. In Burgund hielt der Staufer sich zumeist nur vorübergehend für ein bis zwei Monate auf. Aus der Abfolge seiner Aufenthaltsorte lässt sich der Verlauf bestimmter Reichsstraßen „viae regales“ erkennen.

4. Der Sitz des Herrschers Friedrich I.

Es wurden während der gesamten Regierungszeit Friedrichs I. rund 360 Aufenthalte erfasst, welche sicherlich nur einen geringen Bruchteil seiner gesamten Aufenthalte darstellen. Bisweilen wechselte er seine Aufenthaltsorte täglich, oft blieb er jedoch wochenlang an einem Ort. Itineraranalysen zeigen welche Aufenthaltsorte er bevorzugte. Unter Friedrich stehen die Bischofssitze, mit mehr als 130 Aufenthalten, an der Spitze, das umfasst mehr als ein Drittel aller bezeugten Aufenthalte. Wenn man bedenkt, dass Friedrich auch in Klöstern übernachtete, merkt man schnell, dass die Reichskirche die Hauptlast der Königsgastung zu tragen hatte. Schon seit Heinrich II. (973 o. 978 - 1024) hielten sich die Könige häufig in Bischofsstädten auf und bürdeten somit der Reichskirche die meiste Gastungspflicht auf. Somit lebten die König nicht allein von ihrem Krongut, sondern von den Erträgen der Bistümer und Reichsabteien. Die Staufer förderten wiederum die Pfalzen, größtenteils Stadtpfalzen, die sie entweder bei neuen Städten erbauten oder bei ihnen neue Städte gründeten. Fast 100 Aufenthalte Friedrichs I. sind auf Pfalzen zu verbuchen, wo die Verpflegung aus den Erträgen des Königsgutes zu bestreiten war. Südlich der Alpen setzte sich das Städtewesen mit seinen Kommunen, gegen die Beanspruchung durch Besuche des Kaisers zu Wehr, weshalb sich Friedrich eigene Pfalzen in oberitalienischen Städten oder in der Nähe von kleinen Orten oder Klöstern baute. Man erkennt auf der Itinerarkarte Friedrichs (Abb. 2) eine gleichmäßige Dichte auf dem linken Rheinufer, von Basel bis Mainz, mit dem Elsaß, wo sich das staufische Hausgut schon seit Konrad III. (1193 – 1152) befand. Die Beweggründe für die Wahl seiner Aufenthaltsorte ergaben sich häufig aus politischen Gesichtspunkten - so hielt sich Friedrich I. auffallend häufig in Goslar auf, solange Heinrich der Löwe dort eine starke Herrschaftsposition innehatte.

Im Folgenden werden die von Friedrich I. benutzten Aufenthaltsorte die Bischofsstädte, Pfalzen und Burgen und deren Bau und Funktion genauer betrachtet werden und anhand von Beispielen gezeigt, wie der Kaiser während seiner Aufenthalte in eben diesen Orten seine Herrschaft ausübte.

4.1. Die Bischofsstädte mit Mainz als Beispiel

Eine Bischofsstadt im Deutschen Reich war eine bischöfliche Residenzstadt, in der der Bischof gleichzeitig der Stadtherr war. Die Pfalzen in den Bischofsstädten waren mit ihrem leistungsfähigen Zubehör in der Lage, den königlichen Hof zu beherbergen. Hier versammelten sich viele Klöster und es existierten viele nahe gelegene Wirtschaftshöfe, die die Geistlichkeit versorgen musste. An der Spitze der Aufenthaltsorte Friedrich I. standen die drei Bischofssitze Worms mit 16, Würzburg mit 18 und Regensburg mit 16 Besuchen. Mainz besuchte er ebenso sehr oft und für lange Zeiträume und soll hier als Beispiel dienen.

Im Jahr 782 wurde Mainz zum Erzbistum erhoben. Der Einfluss der Mainzer Erzbischöfe ließ diese zu Reichserzkanzlern, Landesherren des kurmainzischen Territoriums und Königswählern aufsteigen. Im Zuge dieses Aufstieges der geistlichen Macht in weltlichen Angelegenheiten war die Stadt Mainz selbst unter die Kontrolle ihres Erzbischofs gefallen. Das Hochmittelalter brachte für die Bürger erstmals besondere Privilegien, die ihnen von Erzbischof Adalbert I. von Saarbrücken verliehen wurden. Sie beinhalteten vor allem Steuerfreiheiten und das Recht, sich nur innerhalb der Stadt vor Gericht verantworten zu müssen. Nach der Ermordung des Erzbischofs Arnold von Selenhofen im Jahr 1160 wurden diese Privilegien jedoch wieder rückgängig gemacht. Zudem wurden die Stadtmauern auf Befehl Kaiser Friedrichs I. geschleift. Obgleich derart gezeichnet, war Mainz schon bald wieder Zentrum der Reichspolitik. Friedrich I. lud schon 1184 die Elite des Reiches zu einem Hoffest anlässlich der Schwertleite seiner Söhne nach Mainz, der einigen Chronisten als größtes Fest des Mittel¬alters gilt.

4.1.1. Das Mainzer Hoffest

Die Gestaltung eines würdigen Festes, gehörte zur herrscherlichen Selbstdarstellung, denn es war eine Präsentation des Prunkes und höfischen Protokolls. Überdies war es ein Mittel den Adel enger an den Herrscher zu binden, denn so konnte dieser seinen Reichtum zeigen, neue Ritter weihen, Geschenke verteilen und den Fürsten gegenüber Wohlwollen zeigen. Für den Landadel war es eine Auszeichnung an den Hof und in die persönliche Nähe des Herrschers zu gelangen und Geschenke zu erhalten. Zusammen mit den Fürsten des Landes wurden der¬artige Feste besonders bei politischen und dynastischen Anlässen oder sobald viele hohe Gäste und ausländische Gesandtschaften anwesend waren sehr aufwändig gefeiert. Die meisten Feierlichkeiten fanden zu Pfingsten statt, da in dieser Jahreszeit gute Witterungsbedingungen für das Reisen vorherrschten und die Unterbringung der Gäste in Zelten möglich war. Anlässe für das Begehen eines Festes waren Hochzeiten, Krönungsfeierlichkeiten, Schwertleiten, Friedensschlüsse oder Kirchenfeste. Die Kämmerer und Marschalke kümmerten sich um die Beherbergung der Gäste in Zelten oder Gebäuden. Zuvor gingen Boten mit Einladungsbriefen an den erwünschten Adel. Zog der Herrscher in die Stadt ein, wurde er mit Palmzweigen und brennenden Kerzen von den ihm entgegen ziehenden Repräsentanten der Stadt mit Gesängen und Beifall begrüßt, als Ausdruck der Bezeugung der sakralen Erhöhung der Herrscherwürde. Das Begrüßungszeremoniell verfügte über gewisse Gebärden, wie das Niederknien, die Umarmung und den Kuss, sowie dem Willkommensgruß: „Gott zuerst und danach mir sollt ihr willkommen sein“ als Friedenszeichen und Hulderweisung.

Der Mainzer Hoftag im Jahr 1184 rief bei Zeitgenossen großes Interesse hervor und wurde als staunenswertes Ereignis angesehen, weshalb etliche ausführliche Berichte von Geschichtsschreibern existieren . Mehr als 70 Reichsfürsten sollen dort anwesend gewesen sein, was zusammen mit ihrem ritterlichen Gefolge zehntausende Menschen ergeben haben muss. Zu deren Unterbringung wurden außerhalb der Stadt Zelte und eine Pfalz aus Holz mit einem Festsaal, einer Kirche, Häuser für die Fürsten und Wirtschaftsgebäude erbaut. Drei Tage lang wurden die Fürsten vom Kaiser sehr reichhaltig bewirtet, so ist dem Bericht des Arnold von Lübeck zu entnehmen. Am Pfingstsonntag fand die Festkrönung des Kaiserpaares statt, danach folgte der Festzug der gekrönten Herrscher, dann das Festmahl mit Vergnügungen und Unterhaltungen. Am Pfingstmontag folgte die Schwertleite der beiden Kaisersöhne Heinrich VI. und Friedrich dem Herzog von Schwaben. Daran schloss sich die traditionelle Beschenkung der Bedürftigen durch die neuen Ritter und fürstlichen Gäste, zu ihren Ehren und den Ehren ihres Herrn des Kaisers und seiner Söhne, an. Es wurden Ritterspiele und Schau¬reiten veranstaltet. Während dieser drei Tage wurden ebenfalls Reichsangelegenheiten durch den Kaiser erledigt. So gab es beispielsweise Verhandlungen mit Heinrich dem Löwen und mit Gesandten des Grafen von Flandern. Auf Grund des großen Eindrucks, den das Fest hinterließ wurde es zum Maßstab für die poetische Festbeschreibung. Das Mainzer Hoffest gilt als repräsentative Selbstdarstellung der staufischen Ritterkultur. Derartige Hoffeste gewannen neben den Reichstagen im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung und so wetteiferten im 13. Jahrhundert selbst große Fürstenhöfe mit der Pracht und Ausstattung ihrer Feste und Hoftage, die sie entweder auf ihren Burgen oder ihren Pfalzen begingen.

4.2. Die Pfalzen

	

Das Wort Pfalz, „palace“ oder das althochdeutsche „phalanza“ leiten sich vom lateinischen Begriff „palatium“ ab, der Name einer der sieben Hügel Roms, der heutige Palatin, wo sich Regierungssitz und Herrscherresidenz der frühen römischen Kaiserzeit befand. Später bezog sich dieser Begriff nur noch auf den Kaiserpalast und seit dem 4. Jahrhundert wurde „palatium“ sozial und institutionell verstanden, denn der königliche Hof besaß eine lokale und eine figurative Bedeutung. Ab dem 2. und 3. Jahrhundert, als die Reisetätigkeit des Herrschers zunahm, vermehrte sich der Bau von Anlagen für den Herrscher auf seinen Wegen, doch erst mit den Karolingern erhielt die Pfalz eine höhere Bedeutung und wurde zu einem repräsentativen Königshof. Da die Karolingerpfalzen zentral im Reich lagen, benötigten sie im Gegensatz zur Burg keine Wehreinrichtungen. Der Begriff „palatium“ wurde seit dem 10. Jahrhundert seltener angewandt, denn die Pfalz erhielt nun einen Befestigungscharakter und seit dem 11. und 12. Jahrhundert benutzten Quellen den Begriff „castrum“, also Burg, zur Bezeichnung einer Pfalz. Das Wort „palatium“ kann in Diplomen oft auch nur die Ansammlung des königlichen Gefolges meinen, nicht unbedingt die Pfalz als Gebäude. Ab dem 11. Jahrhundert erhielten wichtige Pfalzen eine mit ihr verbundene Marktsiedlung und wurden zum Mittelpunkt der landwirtschaftlichen Produktion, die für die Lebenserhaltung des Königs und seiner Umgebung wirtschaftete. Die Stauferzeit war letzte große Periode des Pfalzenbaus auf deutschem Boden, denn zum Ende der ihrer Herrschaft verloren die Pfalzen langsam ihre Bedeutung und ab Mitte des 13. Jahrhunderts erlitten sie einen Funktionsverlust im Rahmen der königlichen Herrschaftspraxis. Sie wurden an Adlige, Kommunen oder reiche Stadtbürger verkauft. Danach wurden sie zumeist zweckentfremdet oder profanisiert, als Steinbrüche genutzt oder verfielen. So haben sich die meisten Pfalzen bis heute nicht erhalten, deshalb gewinnt man Informationen über Pfalzen nur aus schriftlichen Quellen oder archäologischen Funden.

4.2.1. Der Pfalzenbau Friedrichs I.

Im Jahr 1158 ließ Friedrich auf dem Reichstag von Roncaglia das Recht des Kaisers fest¬stellen, an jedem beliebigen Ort ein „palatium“ zu errichten. Er selbst gründete viele Pfalzen, wovon einige erst unter seinem Sohn Heinrich VI. oder Friedrich II. beendet wurden. So er¬baute der gesamte Stauferstamm zahlreiche Pfalzen und machten sie zu Zentren ihrer Reichslandspolitik: im Osten Altenburg und Eger, in der Mitte des Reiches Nürnberg und im Westen Kaiserslautern, Hagenau und Gelnhausen. Mit dem Neubau der Pfalzen setzte Friedrich der staufischen Hausmacht herrschaftliche und herrschaftssymbolische Akzente. In Nimwegen, der karolingischen Pfalz, die Friedrich wieder herstellen ließ, findet sich folgende Bauinschrift: „Im Jahr 1155 nach der Zeit, da der Welt das Heil zuteil wurde, hat der Herrscher des Erdkreises, Friedrich, der Freund des Friedens, dieses Werk, das vernachlässigt, zerbrochen und alt, fast ausgelöscht war, zu Nimwegen kunstvoll und herrlich wieder herstellen lassen. Julius hat es einst begonnen; ungleich war er dem friedliebenden Erneuerer Friedrich.“ Friedrich zeigte somit sein kaiserliches geschichtliches Selbstbewusstsein. Er wollte Frieden gewährleisten, nannte sich „Caesar in orbe“ - „Kaiser des Erdkreises“ und führt als Caesars Nachfolger dessen Werk fort. Die „renovatio imperii“, also die Wiederherstellung des Reiches war die neue Politik Friedrichs I., der damit auf das Imperium Romanum mit seiner Rechts- und Reichstradition zurückgriff.

Die früheren staufischen Kaiserpfalzen hatten einen sehr hohen Repräsentationsanspruch und so schreibt Otto von Freising, in der Gesta Friderici: „Die herrlichen, einst von Karl dem Großen aufs schönste errichteten Pfalzen (palatia) und die mit großer Kunstfertigkeit ausgeschmückten Königshöfe (regia) bei Nimwegen und dem Hof Ingelheim, äußerst starke, aber durch Vernachlässigung und Alter schon sehr morsch gewordene Werke, hat er aufs angemessenste wiederhergestellt und dabei eine außergewöhnliche, ihm angeborene Hochherzigkeit bewiesen … In Kaiserslautern hat er eine Königspfalz (domus regalis) aus roten Steinen errichtet und mit nicht geringer Freigebigkeit ausgestattet. Auf der einen Seite nämlich hat er sie mit einer starken Mauer umgeben, die andere Seite umspielt ein seeähnlicher Fischteich, der zur Weide der Augen wie des Gaumens alle Delikatessen an Fisch und Geflügel enthält. Daran stößt ein Park, der einer Fülle von Hirschen und Rehen Nahrung bietet. Die königliche Pracht all dieser Dinge und ihre Menge, die größer ist, als dass man sie schildern könnte, erweckt das Staunen der Besucher.“ Wenn Otto von Freising schreibt Friedrich habe die ehemaligen Pfalzen von Karl dem Großen erneuert, will er damit die Verbundenheit mit dem ersten römisch-deutschen Kaiser zeigen, denn dieser war Vorbild und Bezugspunkt aller mittelalterlicher Herrscher. Charakteristisch für die gesamte staufische Herrschaft ist eine bewusste Hinwendung zur kaiserlich-römischen Tradition. Friedrichs Bautätigkeit in Nimwegen und Ingelheim war Bestandteil des politischen Programms, denn „…mit Pfalzen konnte man Politik ebenso machen, wie man in ihnen Politik machte…“.

4.2.2. Die Funktion der Pfalzen

Thomas Zotz beschreibt die Pfalzen sehr treffend mit folgendem Satz: „Pfalzen waren Sinn¬bild eines hauptstadtlosen Staatswesens, dessen mobiler Herrscherhof vol¬ler Unrast von Ort zu Ort zog und nirgendwo wirklich lange verweilte.“ Doch welchen Zwecken dienten sie im Genauen und worin lag ihre große Bedeutung?

Pfalzen bildeten komplexe befestigte Anlagen mit Wohngebäuden, Wirtschaftshof und Gärten, vorwiegend ohne den wehrhaften Charakter einer Burg und waren darauf eingerichtet den Herrscher und seinen Hof zu beherbergen und zu versorgen. Sie befanden sich an strategisch oder verkehrstechnisch günstigen Punkten, also auf Bergeshöhen, an Flussübergängen, an wichtigen Straßen, was wichtig für den Transport der Versorgungsgüter war, inmitten fruchtbarer Äcker oder Weinbergen. Die Bedingungen der Aufenthalte des Königs variierten dabei erheblich. Hierbei stellt sich die wichtige und fundamentale Frage, ob die Pfalz, in der der Herrscher und sein Gefolge einzogen, zum Reichsgut gehörte oder nicht. Gehörte sie zum Reichsgut, sozusagen zu seinem eigenen Besitz, konnte er unmittelbar auf dort vorhandene Vorräte, Bedienstete und Gebäude zurückgreifen. Hierbei kann man dann von einer Königspfalz sprechen. Königspfalzen besaßen zumeist eine große Pracht, repräsentative Architektur und eine Weiträumigkeit der Gebäude, um sehr viele Menschen aufnehmen zu können. Verantwortlich für die Verwaltung des Wirtschaftshofes und die Versorgung und Instandsetzung einer Königspfalz waren bei den Staufern in der Regel die Reichsvögte. Gehörte eine Pfalz nicht unmittelbar zum Reichsgut, war der Herrscher ein sehr geschätzter und auch gefürchteter Gast bei geistlichen und weltlichen Fürsten. Hier konnte er deren Wohlwollen voraussetzen, aber nicht unbedingt erzwingen.

Pfalzen waren Herrschafts- und Verwaltungszentren, hier demonstrierten die Herrscher ihre von Gott verliehene Macht und Herrlichkeit. Sie dienten als vorübergehende Amtssitze und so wurden hier Reichstage und Hofversammlungen oder kirchliche Synoden abgehalten sowie ausländische Würdenträger oder deren Gesandte empfangen. Es gab Feierlichkeiten wie Hochzeiten, Taufen und hohe Kirchenfeste. Eine Pfalz war jedoch nicht nur ein Herrschaftszentrum, sondern auch ein Herrschaftszeichen, denn das Königtum repräsentierte sich hier nicht nur während seines Aufenthaltes, „sondern dauerhaft auch in den langen Phasen seiner Abwesenheit“. Auf der Pfalz galt ein besonderer Rechtsstatus, denn wenn der König zugegen war, war es das Haus des Königs mit höchstem Friedensschutz. Es galt als öffentliches Gebäude des Reiches und konnte somit auch von Fürsten des Reiches als Reisestation genutzt werden. Und sie wurden, als öffentliche Gebäude, in Abwesenheit des Königs, als Stätten für Rechtshandlungen genutzt. Einige Pfalzen hatten eine höhere Bedeutung und waren z.B. Winterpfalzen, Jagdpfalzen oder so genannte Festtagspfalzen, die besonders für Feierlichkeiten aufgesucht wurden. Es existierten Pfalzen, die als Zentren der Königsitinerare gelten, jedoch keine besondere Rechtsstellung vor anderen Pfalzen haben.

4.2.3. Die Bauweise der Pfalzen

Die verschiedenen Funktionen einer Pfalz offenbaren sich auch in der Vielgestaltigkeit ihrer Anlagen. Die Königspfalzen besaßen „caminata“, beheizte Wohngebäude für den Herrscher und seine Familie. Daran angelehnt befand sich der zwei- bis dreigeschossigen „Palas“, der Saal für die öffentlichen Regierungshandlungen. Eine Pfalzkapelle diente dem Herrscher als Bethaus. Zu jeder Pfalz gehörte der Wirtschaftshof der für die Wirtschaftsverwaltung des Königsgutes zuständig war. Dort wurden Einkünfte von den zur Pfalz gehören¬den grundherrschaftlichen Besitzungen gesammelt. Weitere repräsentative Komponenten waren z.B. der Tiergarten. Die Pfalzen der Staufer zeigen ein verhältnismäßig einheitliches Konzept. Fehlte den frühen Pfalzen noch die Wehrhaftigkeit, war sie bei den Pfalzen der Staufer aus dem 12. Jahrhundert sehr stark ausgeprägt, hier spricht man von Pfalzburgen. Die zwei bedeutendsten Bauteile - die kaiserlichen Wohn- und Repräsentationsgebäude und die Pfalzkapelle, die zumeist eine zweistöckige Doppelkapelle war, weisen reichsten architektonischen Schmuck auf, wie beispielsweise Säulen mit reich verzierten Kapitellen, Blendarkaden, Portalrahmungen, Freitreppen und besondere Fensterstellungen. Bei von Friedrich neu gegründeten Pfalzen war die Verbindung von Pfalz und Forst sehr bedeutsam und daher waren Hagenau, Kaiserslautern und Gelnhausen in einem Forst angelegt, denn die Wälder konnten zum einen wirtschaftlich und zum anderen für die königliche Jagd - Attribut adliger Lebensführung - genutzt werden. Häufig umgaben Ministerialenburgen größerer Anzahl die Pfalzen.

4.2.4. Die Verbindung von Stadt und Pfalz

„Der Pfalztyp der Stauferzeit ist die Stadtpfalz. Sie gründeten neue Städte, bei denen sie Pfalzen bauten oder sie bauten Pfalzen, wo sie Städte gründeten“, so treffend beschreibt Walter Schlesinger die Vorliebe der Staufer für Städte. Doch schon bei den Karolingern gab es stadtähnliche, also nicht agrarisch bestimmte Siedlungen in der Nähe von deutschen Königspfalzen. Der Höhepunkt der Zuordnung von Pfalz und Stadt ist jedoch die Stauferzeit. Die Bevorzugung der Städte durch Staufer führte bei Gründung einer Pfalz auch zur Gründung einer Stadt, denn deren Wert und die Sicherheit wuchsen durch eine befestigte Siedlung oder Stadt. Das Verhältnis von Stadt und Pfalz war ein Geben und Nehmen, denn die Stadt erhielt einen wirtschaftlichen Aufschwung und ein positives Images durch den Aufenthalt des König in der anliegenden Pfalz und der Pfalz war durch die Stadt die wirtschaftliche Versorgung gesichert. Das Doppelgebilde Pfalz und Stadt zeigt eine Stärkung der Königsherrschaft im Reich. So gründete Friedrich I. bei den Pfalzen Gelnhausen, Hagenau und Kaiserslautern Städte und im Jahr 1156 erhielt Augsburg, 1164 Hagenau, 1188 Lübeck von Friedrich I. Barbarossa das Stadtrecht.

Die Zunahme der Bevölkerung und ein allgemeiner wirtschaftlicher Aufschwung im 12. Jahr¬hundert unter Friedrich I. erlaubten die Gründung von Städten auch ohne vorangehende Pfalz, wie beispielsweise in Erfurt. Städte brachten dem Herrn wirtschaft¬liche Vorteile durch Zölle, Steuern und Abgaben, die hier entrichtet wurden, die Versorgung durch den Markt und die Quartierbereitstellung für den königlichen Hof. Die aufblühenden Städte nahmen den Burgen ihre zentralörtlichen Funktionen und gewährten durch ihre gute Befestigung ebenfalls Schutz. Das Gründen von Städten war auch für die staufische territoriale Erwerbspolitik von großer Wichtigkeit, die zu einem späteren Zeitpunkt noch genauer betrachtet wer¬den soll. So waren es territorial-, wehr-, verkehrs- und wirtschaftspolitische Absichten die zum Gründen neuer Städte und zum Ausbau schon bestehender Siedlungen anregten.

4.2.5. Die Pfalz Gelnhausen

Die Pfalz Gelnhausen wurde von 1160 bis 1190 erbaut . Am 25. Juli 1170 beurkundete Friedrich mit einem Rechtsakt - „novam villam fundantes“ – die Gründung einer Stadt bei Gelnhausen. Seit dieser Zeit begannen auch die Aufenthalte Friedrichs dort. Die Gründung der Stadt Gelnhausen und die Errichtung der prächtigen und gut befestigten Königspfalz trugen zur Stärkung seiner königlichen Stellung bei. Zu dieser Zeit befand sich die Reichsstruktur im Umbruch und die Grundlagen der königlichen Herrschaft mussten neu geordnet werden. Die Pfalz diente als Aufenthaltsort und Ort der Regierungshandlungen und die Stadt als stärkste Position der Staufer in der Wetterau. Es gab eine gute Wirtschaftsentwicklung, denn der Fluss Kinzig - die Pfalz befand sich auf einer Insel im Sumpf der Kinzigniederung - war schiffbar, es wurde Weinanbau betreiben und die Pfalz wurde von sehr viel Wald umgeben. Durch die von Friedrich gegründete Stadt führte eine wichtige Handelsstraße nach Thüringen und Sachsen. Außerdem erließ er wichtige Privilegien für Gelnhausen, wie die Zollfreiheit für Handelsgeschäfte für die Kaufleute, und für die Bürger das Verkaufs- und Vererbungsrecht ihrer Grundstücke.

Die Pfalzanlage in Gelnhausen war für den königlichen Aufenthalt, Regierungshandlungen und Friedrichs herrschaftliche Repräsentation konzipiert. Die ovale Anlage (Abb. 4) war von einer starken Buckelquaderringmauer umschlossen. Der repräsentative Eingangsbereich besaß eine zweischiffige Torhalle, eine zweischiffige Pfalzkapelle und einen starken quadratischen Torturm. Das dreigeschossige Palasgebäude befand sich im Obergeschoss und umfasste zwei Wohnräume und einen beheizbaren Saal. Im zweiten Obergeschoss befand sich ein großer Reichssaal, der fast 300 qm groß und mit einer komplizierten Pfeilerkonstruktion versehen war. Bei Festen erstrahlte er im Licht vieler Kerzen, Kronleuchter und Wandkerzen und wurde mit Kaminen beheizt. Daneben schlossen sich ein weiterer Wohntrakt, Wirtschaftsgebäude und der Rundturm, mit einem Durchmesser von 16 m, an. Die gesamte Anlage wurde durch eine erlesene Bauplastik bekrönt, wie die wundervollen noch erhaltenen Kapitelle (Abb. 5) bezeugen. Es gab in Gelnhausen wohl keinen Wirtschaftshof, dafür aber die Stadt mit einem Markt für die wirtschaftliche Versorgung. Die Pfalz galt gleichzeitig als Reichsburg , das zeigt die geräumige Vorburg, wo die Burgmannen und der Forstmeister ihren Sitz hatten, und auch das Wach- und Dienstpersonal sich aufhielt.

4.2.6. Der Hoftag in Gelnhausen

Als Hoftag bezeichnet man die formlosen und unregelmäßig stattfindenden Versammlungen des römisch-deutschen Königs bzw. Kaisers mit ausgewählten Großen des Heiligen Römischen Reiches. Aus der lehensrechtlichen Verpflichtung dem König mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, leitete man bereits im Hochmittelalter die Verpflichtung ab, auf Anforderung des Königs zu Beratungen und Entscheidung persönlich bei Hofe zu erscheinen - die so genannte Hoffahrtspflicht. Hierfür wurden die Hoftage angesetzt. Diese Hoftage werden in Quellen unterschiedlich benannt. Man findet hierbei Bezeichnungen wie „parlamentum“, „conventus“, „colloqium“, „curia“ oder „curia regis“. Die Hoftage unterschieden sich von normalen Beratungen des Hofes im Kern nur durch die Anwesenheit der eingeladenen Personen. Dies konnten Fürsten, Adlige, geistliche Würdenträger oder Vertreter ausländischer Mächte sein. Seit dem 13. Jahrhundert wurden auch Vertreter der Reichsstädte geladen. Die Hoftage waren im Rahmen der Hofhaltung organisiert und streng auf den König bezogen.

Am 13. April 1180 hielt Friedrich I. in Gelnhausen einen Hoftag ab, auf dem der in mehreren Etappen geführte Prozess gegen Herzog Heinrich den Löwen durch die Aufteilung des Herzogtums Sachsen abgeschlossen wurde. Die westliche Hälfte wurde an Erzbischof Philipp von Köln verliehen, während der Graf Bernhard von Anhalt den Ostteil erhielt. Die Gelnhäuser Urkunde ist das wichtigste Quellendokument, das die erste Phase der Entmachtung Heinrichs schildert. Zu diesem Hoftag wurden auch andere Regierungsgeschäfte getätigt und Territorial- und Städtepolitik für die Wetterau betrieben. Der Hoftag war zureichend mit Erzbischöfen, Bischöfen, Landgrafen, Herzöge, Markgrafen, päpstliche Legaten besucht. Es wurden frühzeitig Einladungen versandt, um Möglichkeiten für Unterkünfte und Verpflegung zu schaffen. Der Hoftag war Auftakt für die weiteren zweijährlichen Besuche Friedrichs in Gelnhausen. In den Jahren 1182, 1184, 1186 hielt er dort weitere Hoftage ab und im Jahr 1188 beging er die Osterfestfeierlichkeiten. Diese häufigen Besuche und die reiche bauliche Ausstattung lassen auf eine große Hochschätzung der Pfalz schließen. Waren auch Heinrich VI. (1165 – 1197) und König Philipp von Schwaben (1179 - 1208) noch bisweilen in Gelnhausen um Hoftage oder Feste zu veranstalten, stiegen die letzten Staufer dort lediglich kurz ab und führten keine großen Hoftage durch. So nahm die Bedeutung der Pfalz Gelnhausen nach und nach ab und war später nur noch eine Durchreisestation. Gelnhausen ist hier ein gutes Beispiel für den Bedeutungsverlust, den die Pfalzen mit Ende der staufischen Herrschaft erlitten, während der Burgenbau gerade in großem Umfang anstieg.

4.3. Die Burgen

Der Burgenbau begann in Europa gegen Ende des 9. Jahrhunderts. Mitte des 11. Jahrhunderts, während der Regierungszeit Heinrichs IV. (1056-1105) und später im Zuge des Investiturstreites (1075-1122), zogen Hochadelsgeschlechter aus ländlichen Gebieten in höher gelegene Burgen und distanzieren sich somit von der Bevölkerung, was das Klassenbewusstsein stärkte. Dadurch demonstrieren sie ihre Selbstherrlichkeit, denn die Verfügung über Militärplätze bedeutete Macht und demzufolge Anteil an der Herrschaft. Seit dieser Zeit war das Deutsche Reich ein Feudalstaat, denn der Adel, der zwischen dem König und dem Volk stand, war an der Herrschaftsausübung beteiligt. Die Burgen waren Mittelpunkt der Adelsherrschaften, die sogar deren Namen annahmen oder ihren Namen auf die Burgen übertrugen. Das 13. Jahrhundert gilt als Hauptphase des deutschen Burgenbaus, in der sich die Anzahl der Burgen verdoppelte. In dieser Zeit gab es eine Emanzipationsbewegung der Aristokratie, indem auch nichtgräfliche freie Adlige und reiche Ministeriale sich aus der Gebundenheit zu lösen versuchten, eigenen Herrschaftsausbau betrieben und politisch-rechtliche Selbständigkeit anstrebten. All dies brachte einen Aufschwung und Blüte des Adels in kultureller und geistiger Hinsicht und so gilt das 13. Jahrhundert als große Zeit des Rittertums.

4.3.1. Das Burgenbaurecht

Diese überall im Land verstreuten Wehrbauten kleiner Adliger, bedeuteten eine Bedrohung des Landfriedens und eine Beeinträchtigung einer übergreifenden Ordnungsmacht. Das „ius munitionis“ das Recht zum Bau von Wehranlagen, war ursprünglich ein altes königliches Regal. Es hatte also nur das Königtum das Befestigungsrecht und Adlige durften ohne Lizenzen keine Burgen bauen, nur Herzöge und Markgrafen waren als Vertreter des Königs an bedrohten Gebieten dazu befugt. Im 12. und 13. Jahrhundert kam es im Zuge der adeligen Emanzipationsbewegung, zum Ringen zwischen Fürsten und Grafen um das Burgbaurecht. Der König konnte nur schwer den illegalen Burgenbau kontrollieren. Stand eine Burg unangefochten ein Jahr lang, wurde diese legalisiert. Ohne jegliche Erlaubnis jedoch konnten alte Burgen erneuert, oder zerstörte wieder¬erbaut werden. Einer bestehenden Burg konnte die Lizenz nur bei besonderen Verstößen entzogen werden, beispielsweise wenn der Burginhaber Landfriedensbruch beging, den Landfriedensrichter bei der Strafverfolgung hinderte oder Straftätern rechtswidrig Schutz gewährte. Wurde einer Burg die Lizenz entzogen, wurde diese geschliffen und es durfte an Ort und Stelle keine Burg mehr erbaut werden.

Der Innenraum einer Burg war ein nach außen immuner Rechtsbezirk. Bewohner und Besucher der Burg waren nur der Hausordnung und der Strafgewalt des Burgherrn unterstellt. Da¬raus entwickelte sich im 13. Jahrhundert der Burgfrieden, der besagte, dass in der Burg kein Streit geführt durfte, da sonst Bußgeld oder Verweisung als Strafe drohte. Jeder, der die Burg betreten wollte, musste einen Eid auf den Burgfrieden schwören. Die Burg besaß seit dieser Zeit Privatcharakter und stand unter dem Hausrecht eines oder mehrerer Burgherren, des¬halb war sie keine allgemeine Zufluchtstätte mehr, wie bei der frühmittelalterlichen Fluchtburg.

4.3.2. Die Funktion der Burg

Eine Burg war ein meist isoliert gelegener bewohnbarer Wehrbau, den eine Person oder eine Gemeinschaft zu ihrem Schutz als ständigen oder zeitweiligen Wohnsitz errichtete. Burgen waren Festungen und Residenzen zugleich und hatten demnach eine Wehr- und repräsentative und symbolische Funktion. Sie demonstrierten den Herrschaftsanspruchs, den Reichtum und die Macht des Adels und besonders der Bergfried war ein Zeichen adliger und herrschaftlicher Macht und galt als Statussymbol der Besitzer. Als militärische Stützpunkte dienten sie der Sicherung königlicher und kaiserlicher Macht, der Aufrechterhaltung des Reichsfriedens und sie schützten die Grenzen vor Feinden von Außen. Sie waren außerdem ein Instrument der Raumbeherrschung, der strategischen Planung und der Sicherung des Landgewinnes, weil sie ein Gebiet abgrenzen konnten, das der Herrscher zur Stärkung seiner Zentralgewalt an sich binden wollte. Burgen hatten eine zentralörtlich-herrschaftliche Funktion, denn sie bildeten Mittelpunkte der Herrschaft und Rechtsprechung, waren Verwaltungsbezirke für das Reichsgut und Bezugspunkte bzw. Dienstorte der Ministerialität und Pflegestätten ritterlicher Kultur. Dort wurden Zolleinnahmen gemacht, befahrene Straßen gesichert, Schifffahrt kontrolliert, Bergbau in Gang gesetzt und Wälder kolonisiert. Die abhängige Landbevölkerung musste Zinsen und Steuern auf die Burg liefern, wo die Vögte, Schultheißen und Richter saßen.

4.3.4. Burgtypen und Raumprogramm

Eine Burg hatte also verschiedenartigste Anforderungen zu erfüllen und keine Burg glich der anderen, trotzdem wurde immer wieder versucht sie nach Kategorien zu sortieren mit den verschiedensten Typologien wie baulich-formaler Art, zeitlicher, geografischer (Höhenburg, Wasserburg), funktionaler (Festungsburg, Verwaltungsburg) und ständischer Art (Reichsburg, Ministerialenburg). Dennoch kann eine Burg zu verschiedenen Typen gehören oder zu keiner der Einteilungen passen.

Das Raumprogramm einer Burg ist so vielseitig, wie die Art der Typen, die es gibt, daher kann keine allgemeingültige Grundrissskizze erstellt werden. Als Abbildungs-Beispiel soll die Burg Münzenberg in der Wetterau, die von der mächtigsten staufischen Ministerialenfamilie den Herren von Münzenberg erbaut wurde, dienen. (Abb. 6) Das Raumprogramm einer Burg kann unterteilt werden in die Verteidigungsanlagen und die Wohn- und Nutzbauten. Die Burg hat als fortifikatorische Anlage oft viele Verteidigungsringe, die sich aus der Ringmauer, die 10 bis 15 m hoch sein konnte, der Schildmauer, dem Wasser- oder Trockengraben, Hecken und Sträuchern, Türmen in den verschiedensten Formen, die der Mauer vorgelagert bzw. in sie eingelassen sein konnten oder sich im Burginneren befanden, Schießscharten mit Schießschartenmaul, Pechnasen usw. zusammensetzten. Kleinere Vorburgen im Verteidigungsring dienten als Schutzschild. Das Burgtor bestand fast immer aus einem Torbogen mit eisenbeschlagenen Holzflügeln, Zugbrücke und Fallgitter. Im Burghof befanden sich der Brunnen und an der höchsten Stelle der Bergfried, ein selbstständiger Verteidigungsbau, der an der Spitze von dem Wehrgang abgeschlossen wurde und somit Verteidigung zu allen Seiten bot. Anfangs war der Bergfried, mit einer Höhe von 20 bis 40 m und einer Innenfläche von 10 bis 25 qm, die letzte Verteidigungsmöglichkeit für die Bewohner der Burg, später wurde er auch als Wohnturm genutzt. Zu den Wohn- und Nutzbauten gehörte der Palas, der sich zumeist im ersten Stock der Anlage befand. Der große Festsaal war ein Repräsentationsbau und der gesellschaftliche Mittelpunkt der Burg, in dem sich das Selbstverständnis und Kulturbewusstsein der Ritter zeigte. Er war prächtig mit Bildern bemalt und bei festlichen Anlässen mit Teppichen behängt, wovon heute leider nichts mehr erhalten geblieben und nur die literarischen Quellen darüber Auskunft geben. Auch die herrschaftlichen Wohnräume waren reich geschmückt. Sie waren beheizbar und besaßen vornehm gestaltete Schmuckformen, Rund- und Spitzbogenportale, spätromanische oder frühgotische Fensterfassungen, verzierte Kamine und Erker und waren durch Säulen geteilt und mit Maßwerk verziert, um Reichtum und Kunstsinn zur Schau zu stellen. Die Burgkapellen waren oft selbständige Gebäude, in denen Kleriker angestellt waren, die die Ausbildung der Jugend, Kanzleidienste und das Vorlesen literarischer Werke über¬nahmen. Der Burghof hatte eine höfisch-gesellschaftliche Funktion und wurde für Beratungen, Feste, Kampfspiele und Turniere genutzt. Die Nutzbauten für das Gesinde, die Wirtschaft und das Vieh sowie die Küche, Stallungen und Scheunen wurden entweder in die Herrenhäuser ein¬gebaut oder umgaben den Burghof als eigene Gebäude. Die Burg wurde umgeben von der „suburbia“, die Vorburgen, wo Gutshöfe, Mühlen, Fischweiher angesiedelt waren, die die Lebensmittelversorgung sicherstellten. Da Burgen eine siedlungsbildende Wirkung hatten, entwickelten sich Handwerkersiedlungen, Kaufleuteniederlassungen, Märkte und später Städte, denn wenn die Burg an einer wichtigen Handelsstraße lag, hatten diese reiche Einkünfte aus dem Wirtschaftsverkehr. Die Erträge aus den Wäldern und Feldern innerhalb des Burgbanns, der 10 Meilen im Umkreis betrug, erhielt die Burg. Die Menschen, die in der Umgebung der Burg lebten, waren zu Dienstleistungen und Abgaben verpflichtet, wofür sie im Gegenzug Schutz erhielten.

4.3.5. Die Burgenbaukunst der Staufer

Der Burgenbau der Stauferzeit ist geprägt von einer hohen Baukunst und einigen neuen Architekturformen. Das architektonische Konzept der hochmittelalterlichen Burgen der Staufer war nicht nur von militärischen Gesichtspunkten bestimmt, sondern auch von ästhetischen und symbolischen. Der staufische Burgenbau war hauptsächlich ein Steinbau, aber auch Fachwerkaufbauten waren möglich. Der Buckelquader (Abb. 7), der repräsentativ und abschreckend wirkte, war bei staufischen Burgmauern ein charakteristisches Merkmal, ebenso wie die Megalith-Türme, klobige Bauten aus großen Steinen, die die Sicherheit und Abwehrfähigkeit der Mauern betonte. Während der Stauferzeit wurde der ältere Typus der Turmhügelburg von der Wohnturm- und Turmpalasburg abgelöst. Der Grundriss wurde vereinfacht und wenige, dafür kräftige Bauten wurden vorgezogen. Die Burg wurde also wuchtig und kompakt, erhielt dafür aber bauliche Qualität wie z.B. die Formung von Portalen und Fenstern. So stellt das Erscheinungsbild der staufischen Burg eine Mischung aus abschreckende Militärarchitektur und vornehmer Residenzbaukunst dar. Damit wird die spätstaufische Zeit auch als Blütezeit der Burgenbaukunst angesehen. Über den Vater von Friedrich I., also Herzog Friedrich II. (1090- 1147), schrieb Otto von Freising: „Nachdem er nämlich den Rhein überschritten (…) machte er sich allmählich das ganze Gebiet von Basel bis Mainz, in dem bekanntlich die Hauptstärke des Reiches liegt, willfährig. Er folgte immer dem Rheinlauf und baute dann an geeigneter Stelle eine Burg, die das umliegende Land beherrschte. Dann ließ er sie, zog weiter und errichtete eine andere, so dass ein geflügeltes Wort von ihm sagte: ,Herzog Friedrich zieht stets am Schweif seines Pferdes eine Burg mit sich’.“ Friedrich II. aus dem Geschlecht der Staufer war von 1105 bis zu seinem Tod 1147 Herzog von Schwaben. Sein jüngerer Bruder Konrad wurde 1138 zum König Konrad III. (1093-1152) gewählt. Gemeinsam mit Konrad baute Friedrich II. das Territorium der Staufer weiter aus. Damit setzten sie die Politik ihres Vaters fort. Während Konrad vor allem Gebiete im ehemaligen Herzogtum Franken erwarb, konzentrierte Friedrich sich auf den Mittelrhein und das Elsass, wo er zahlreiche Burgen bauen ließ. Mit ihm begann die Geschichte des staufischen Burgenbaus. Die Staufer verfügten am Ende des 12. Jahrhunderts über die meisten Burgen. Die Burgenbautätigkeit Friedrichs I., der die Bautradition fortführte, lässt sich in zwei Perioden einteilen - von 1147 bis 1152 als Herzog und 1152 bis 1190 als Kaiser. Während der ersten Periode baute er die Felsenburgen Ottrot und Hohkönigsburg um, die in seiner Hand blieben, während Fleckenstein, Lützelhardt und Hohbarr Ministerialen anver¬traut wurden. In der zweiten Phase besetzte er die meisten seiner Felsenburgen mit Ministerialen, gleichzeitig baute er die Wasserburgen Obernai, Hagenau, Schlettstadt. Der Burgenbau sollte Stützpunkte im Reich erschaffen und war somit ein Instrument der Raumbeherrschung. Der Bau von Reichsburgen, das Einsetzen von Reichsministerialen und die Städtegründungen der Staufer wurden mit dem Begriff „Reichslandpolitik“ bezeichnet.



5. Die Reichslandpolitik der Staufer

Die Reichslandpolitik der Staufer war eine königliche Territorialpolitik, die durch Einsatz eines breit gefächerten Herrschaftsinstrumentariums darauf abzielte, „geschlossene“ Komplexe, so genanntes Reichsland, „terrae imperii“, zu schaffen. Die Hauptbesitzungen, von denen die Expansion des Reichsgutes ausging, waren das Elsaß und Hohenstaufen. Friedrich erbte neben den staufischen Stamm¬landen und dem schon vorhandenen Reichsgut auch das salische Hausgut, wo es ihm gelang ein burgenbewehrtes Zentrum der Königs¬macht zu schaffen. Die herrschaftliche Durch¬dringung kleinerer Räume war gestützt auf die strategische Nutzung von Kirchen, Klöstern, Burgen, Märkten und Städten, Verkehrswegen sowie die Ansiedlung der Reichministerialen im Reichsland. Durch Rodung und Landesausbau wurden neue Herrschaftsrechte gewonnen und wirtschaftliche Quellen erschlossen. Das Unter¬fangen konnte jedoch nur erfolgreich sein, wenn einzelne Besitzungen miteinander verbunden werden konnten, entweder durch Neuerwerbungen oder Einbeziehung von Reichsgut, die Beerbung ausgestorbener Adelsgeschlechter, den Austausch weniger bedeutenden Gutes gegen günstiger gelegene Besitzungen, den Kauf und die Sicherstellung von Adelsgut oder Adelslehen schon vor dem Todesfall, die Wiederauffrischung vergessenen Reichsgutes und Reichsrechtes, eine Neuerfassung der Regalien, die Erschließung stärkerer Finanzquellen sowie eine großzügige Städte- und Wirtschaftspolitik. Die Staufer wollten damit die Entwicklung von Territorialherrschaften verhindern, einen zentralen Staat schaffen und Königsland sichern. Das stand im Gegensatz zu der territorialen Expansion der Dynasten. Da es keine Reichshauptstadt, sondern viele kleinere Zentren gab, war der Einsatz von Reichministerialen notwendig. Besonders in den hochadelarmen Gebieten des östlicheren Reichsgebietes begann sich der Typ des von Reichsministerialen getragenen Reichs¬landes zu entwickeln. Die Reichsministeriale taten auf den Burgen Dienst als Burg¬man¬nen unter dem so genannten Burglehenrecht, dass dem Lehnswesen entstammte. Die Burgmannen erhielten Wohnungen auf den Burgen und waren verpflichtet sich dort ständig aufzuhalten und sie zu verteidigen. Reichsministeriale erhielten seit den 1170er Jahren politischen Einfluss als Berater und in der Burgenpolitik bzw. Reichslandpolitik der Staufer. Sie errichteten und beherrschten Burgen, gründeten Städte, dörfliche Siedlungen und halfen beim Landesausbau. Zusätzlich nahmen sie gerichtliche, verwaltungsmäßige und wirtschaftspolitische Aufgaben war, besaßen oft die königliche Hoheit über die Straßen und übten Straßenaufsicht und Geleitschutz aus.

6. Residenzen entstehen - Die Reiseherrschaft wird unmodern

Der stetige Wohnsitz zeigt, dass die Herrscher des Frühmittelalters und auch noch die frühen Karolinger Machtzentren an einem Punkt hatten, dass jedoch noch im 9. Jahrhundert das System, einem einzigen Ort einen Vorzug einzuräumen, im Abendland häufig aufgegeben wurde. Während die Ottonen wieder Schwerpunkte herausbildeten, wie Magdeburg, Rom und Bam¬berg, scheinen die Salier Bindungen an bestimmte Städte eher wieder gemieden zu haben. Die Kaiser unternahmen weite Reisen, Konrad III. schränkte diese Praxis wieder ein. Aber schon Friedrich I. bildete offensichtlich die Reiseherrschaft wieder stärker aus und wurde darin von seinen unmittelbaren Nachfolgern nachgeahmt. In der Stauferzeit wurden einige Lieblingsorte, Stammeshauptorte wie Regensburg in Bayern und Goslar in Sachsen, pfalznahe Orte wie Geln¬hausen, Wimpfen, Kaiserslautern, Hagenau und Nürnberg durch Privilegierung ihrer Einwohner, oder Krönungsorte, wie Aachen durch die Bezeichnung „caput regni“ und „sedes“, aus der Masse der Herrschaftsorte herausgehoben. Das Karls¬privileg vom 8. Januar 1166 durch Friedrich I. für Aachen ist eine Art Gründungs¬urkunde für eine Hauptstadt, mit Hauptstadtrechten, Marienkirche mit Königsstuhl, Gerichtsbarkeit und freien Bewohnern. Aachen wird dort als „capita“ oder „sedes“ bezeichnet, ist letztendlich jedoch lediglich eine ideelle Hauptstadt. Zur gleichen Zeit gab es auch schon erste Anzeichen zur Residenzbildung bei anderen Herrschern, so baute Heinrich der Löwe im Herzogtum Sachsen Braunschweig mit der Pfalz Dankwarderode und der Stiftskirche St. Blasius zu einem Mittelpunkt seines Herrschaftsbereichs aus. Heinrich II., Herzog von Österreich baute um 1170 in Wien eine neue Pfalz und hielt sich größtenteils dort auf. Eine teilweise Sesshaft-Werdung trat in England, wo das königliche Archiv als Verwaltungsspitze in dem Krönungsort Westminster blieb oder in Frankreich, wo König Philipp II. Augustus seinen Schatz in Paris unter Aufsicht des Templerordens ließ, ebenfalls schon im 12. Jahrhundert ein. Im deutschen Reich setzte die Endphase der deutschen Königspfalzen und die Frühzeit der landesherrlichen Residenzen erst im 13. Jahrhundert ein. Es konnte jedoch keine Hauptstadt entstehen, ganz im Gegenteil, es fand die Entwicklung zu einer Vielfalt von Territorialstaaten statt und eine Landesherrschaft bildete sich heraus. Erste Anfänge von Residenzenbildung zeigten sich in Dresden, Gotha, Marburg, Landshut und München. Im 14. Jahrhunderts schufen sich die Kaiser und Könige wieder feste Residenzen, wofür die Bemüh¬ungen Ludwig des Bayern um München, der Ausbau Prags unter Karl IV. in Böhmen und Krakau in Polen als Beispiel dienen können, so dass der Übergang zur Residenzherrschaft am Beginn des 14. Jahrhunderts als entscheidendes Phänomen gut fassbar ist.

Die Ortsgebundenheit des Hofes erlaubte eine neue fürstliche Repräsentation, wie etwa in der Architektur - so wandelte sich der einfache Wohnbau zum Schlossbau. Typische Merkmale einer Residenzbildung sind demnach ein Schlossbau in der Stadt, die Gründung und der Ausbau eines Klosters, Ansässigkeit einer Hofkanzlei und fürstliche Grablege und die Förde¬rung der städtischen Bürgerschaft. Die meisten zur Hauptstadt aufsteigenden Städte erhielten im Zuge dessen auch eine Universität. Eine Hauptstadt bündelte die Kräfte der Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft und versammelt staatliche Macht, Ökonomie, Kunst und Wissenschaft.

„In Europa ist die Reiseherrschaft mit dem Aufblühen der Stadtkultur und dem starken Vordringen der Geldwirtschaft im Spätmittelalter allmählich erloschen. Das Aufkommen eines arbeitsteiligen Beamtenwesens und die Mobilisierung der königlichen Einkünfte durch die Geldwirtschaft ermöglichten die Entstehung fester Regierungszentren.“ Zuvor musste der König den Naturalleistungen nachreisen, durch die Geldwirtschaft wurde das zu Geld einer Kasse zugeführt. „Das Herumreisen und Sich-Zeigen im Lande ist auch über die endgültige Ausbildung fester Residenzen im Zeitalter des Absolutismus hinaus bis in die heutige Zeit ein zwar nicht mehr brauchtümlich fester, aber doch meist unumgänglicher Zug jedes Herrschertums geblieben.“ Ein existierender Mittelpunkt im Land bedeutete demnach nicht, dass der Landesherr seine Reisen vollständig einstellte, sondern er reiste weiter zu Inspektionsreisen, Staatsbesuchen oder Jagd- und Sommerschlössern. Seit dem Interregnum (1245-1273) verengte sich die Reiseroute im Deutschen Reich jedoch auf die Städte am Rhein, in Franken, Schwaben und Bayern, später lag der Reisebereich des Königs zwischen Regensburg, Nürnberg, Frankfurt und Ulm. Die deutschen Könige reisten bis in die Neuzeit weiter.

7. Zusammenfassung

Europa bot sich auf Grund seiner geografischen Beschaffenheit und seiner recht dichten Besiedelung zum Reisen an und bot somit dem Reisekönigtum, als der in Europa vorherrschen¬den Herrschaftsform eine günstige Grundlage. Die Reiseherrschaft war im gesamten Mittelalter die Grundform staatlicher Herrschaft, nicht nur der Kaiser und Könige, sondern auch anderer weltlicher und geistlicher Herrschaftsträger. Auf Grund der fehlenden Haupt¬stadt mit zentralem Verwaltungsapparat waren die Könige gezwungen ihre Macht und Autorität durch häufige Präsenz und persönliche Einflussnahme vor Ort zur Geltung zu bringen. Nach mittelalterlicher Herrscherauffassung war die königliche Gewalt nur dort wirksam, wo der Herrscher selbst in Person erschien. So reiste der mittelalterliche Herrscher mit seinem gesamten Hofstaat im riesigen Reich, das Deutschland, Italien, Schweiz, Burgund, Lothringen umfasste, von Pfalz zu Pfalz, Burg zu Burg, Stadt zu Stadt, um nicht zuletzt die sonst schwierige Versorgung seines königlichen Hofes zu sichern. Der Herrscher und sein Hof verzehrten die Naturaleinkünfte des Reichsgutes an den verschiedenen Orten und gingen zur Jagd in ihren Forsten. Anhand des Itinerars und des Reisekönigtums Friedrichs I. ließ sich feststellen, dass der mittelalterliche Herrscher mehrmals im Jahr seine Aufenthaltsorte wechselte und sich dabei meisten auf bestimmten Reichsstraßen fortbewegte. Bischofsstädte, Pfalzen und Burgen waren die Orte, über die Friedrich I. als Reisestation und Sitze seiner Herrschaft verfügte. Hier übte er seine Regierungsgewalt aus, versammelte er die Großen des Reiches zu Reichstage und Hofversammlungen, um sie eng an sich zu binden, saß zu Gericht, feierte kirchliche und weltliche Feste und offenbarte seine herrscherliche Selbstdarstellung. In ihrer Bauweise und dem Raumprogramm entsprachen diese Orte ihren Funktionen als Herrschersitze durch reiche Ausstattung und Versorgungsanstalt durch nahe liegende Wirtschaftshöfe oder Städte mit Märkten in jedem Fall. Die Staufer und besonders Friedrich I. erkannten und nutzten die Vorteile einer königlichen Pfalz und bauten oder erwei¬terten sie, um es mit Otto von Freising zu sagen, „mit großer Kunstfertigkeit“ und formten sie zu ihren Herrschafts- und Verwaltungszentren. Eine hohe Baukunst zeigt sich auch bei den staufischen Burgen, die stark von ästhetischen Aspekten geprägt waren und welche die Blütezeit der Burgen¬baukunst beschreiben. Mittels Bau von Burgen, Pfalzen, Städtegründungen, Landesausbau und Einsatz von Reichsministerialen versuchten sie, im Sinne ihrer Reichsland¬politik Reichsland zu schaffen, die Entwicklung von Territorialherrschaften zu verhindern und einen zentralen Staat zu schaffen. Zwar schuf sich Friedrich I. noch keine Haupt- oder Residenzstadt, erhöhte aber durch Privilegierungen einige seiner wichtigsten und liebsten Aufenthalts- und Herrschaftsorte. Die erst im 14. Jahrhundert entstanden Residenzstädte, die florierende Stadtkultur und die einsetzende Geldwirtschaft schwächten das Reisekönigtum als Herrschaftsform im deutschen Reich, auch wenn sie es nicht gänzlich zum Erliegen brachten.

Wie für jeden mittelalterlichen Herrscher war auch für Friedrich I. das Reisekönigtum unter den gegebenen Umständen die beste Möglichkeit das Reich zu lenken und die Voraussetzung für eine erfolgreiche Herrschaft. Diese Regierungstätigkeit erforderte eine große physische Kraft, doch von ernsten Erkrankungen ist über Friedrich I. nichts bekannt. Im Jahr 1189, im Alter von 67 Jahren führte er sogar noch einen Kreuzzug an.

8. Ortsverzeichnis

Burgen: Donauwörth, Eger (später zur Pfalz umgebaut), Nürnberg, Trifels Reichsburg mit Stadt: Altenburg Pfalzen teilweise mit Städten: Aachen (Friedrich I verweilte dort im Jahr 1152 zur Königs¬krönung, noch keine Stadt), Erfurt (mit Kloster, für Reisen nach und in Thüringen), Frankfurt (zentrale Verkehrslage), Fulda (mit Kloster, Stützpunkt auf dem Weg vom Rhein nach Thüringen und Sachsen), Gelnhausen (wichtiger Stützpunkt, wegen Intensivierung des Verkehrs durch das Kinzigtal), Goslar (bedeutendster Itinerarstützpunkt in Sachsen, sehr häufiger und regelmäßiger Besuch, hielt hier Reichstage ab), Hagenau (hier entwickelte sich unter Friedrich I. eine Stadt, sicherte der Bürgergemeinde viele Rechte zu), Ingelheim (Nähe zum Rhein, repräsentative Lage), Kaiserslautern (1152-58 von Friedrich I. errichtet, prunkvolles Repräsentationszentrum), Merseburg (gute Versorgungsbedingungen), Nimwegen (um 1150 von den Staufern wieder hergestellt), Wimpfen Städte mit eigener Pfalz: Bamberg, Ulm Städte mit Bischofspfalz: Augsburg (hier hielt sich Friedrich möglicherweise in der Bischofspfalz auf, er verweilte hier auf Grund der Lage im Zusammenhang mit Antritt oder Ende eines Italienzuges), Köln, Konstanz, Worms, Würzburg Bischofsstadt: Speyer (Grablege) Bischofsstadt mit Bischofspfalz: Basel (als Aufenthaltsort, wenn er nach Burgund oder in die Schweiz reiste), Mainz (gute Beziehung zwischen Erzbischof und Kaiser), Strassburg Bischofsstadt mit Königspfalz: Regensburg (Abhaltungsort von Hoftagen in Bayern)

9. Literaturverzeichnis

Quellen:

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Otto von Freising, Gesta Friderici I, 13

Literatur:

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Lexika:

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Autor: Svea Schade

 
reisekoenigtum.txt · Zuletzt geändert: 2011/01/31 16:03 (Externe Bearbeitung)
 
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