Hussiten vor Bernau Festspiel von 1911

Die folgende Zusammenfassung des Festspiels von 1911 habe ich aus einem Festspielprospekt von 1911. Die geschichtlichen Abläufe im Stück entsprechen nicht dem Stand der Forschung (also reines Theater), die Gestaltung (Ausdruck) entspricht der Zeit der Entstehung des Stückes.

,,Die Hussiten vor Bernau“

Vor dem Spiel:

Noch ehe das Spiel beginnt, sogleich beim Betreten der Zuschauertribüne, wird sich der für Kulturgeschichte und Natureindrücke und Erinnerungen empfängliche Zuschauer dem Zauber nicht entziehen können, welchen der Schauplatz an sich auf ihn ausübt und während das heitere Geplauder der Umgebung noch voll im Gegenwartsleben wurzelt, mag ihn wohl die Phantasie schon sanft hinüber locken in vergangenes Leben der Mark Brandenburg und reiche, bunte Bilder vor sein Auge stellen, da

drei Hornrufe vom Pulverturm – - -

Das Spiel beginnt:

Der Türmer singt das Taglied, - nochmals drei Hornrufe, - im Stadttor wird's lebendig, die Torwache öffnet das Tor und läßt die Zugbrücke nieder, denn aus dem Innern der Stadt klingt heitere Marschmusik und Gesang. Das Schützenfest und die Frühlingsfeier wollen die Bernauer begehen nach bangen Zeiten der Sorge vor Angriffen der Hussitenheere; und aus der Enge der Stadt drängt, festlich gekleidet, das Volk ins Freie. Die jubelnde Kinderschar an der Spitze, zieht die Schützengilde zum Festplatz und im bunten Zuge folgen der Bürgermeister mit seinen Ratsherren, die Gilden und Geschlechter der Stadt, Bürger aller Gewerke, um-rankt von fröhlichen Mädchenscharen. - Gewaltige Bierfässer werden von der Brauerinnung auf reich geschmückten Wagen im Zuge mitgeführt, denn nicht nur dem Schützenfeste gilt's heute, – auch der Freigabe des Bieres, die der hohe Rat erst nach wohlgelungener Bierprobe zu gestatten hat.

Unter dem Baldachin des großen Festzeltes sitzen Bürgermeister und Ratmannen. Während im Hintergrunde die Kinder lustige Reigen aufführen und sich ein Festtreiben entwickelt, immer neue Scharen zuströmen, andere sich entfernen, ständig wechselnde Gruppen allerlei Kurzweil treiben, geht die Bierprobe vor sich.

Die Brauer, mit dem Innungsmeister Bütten an der Spitze, begießen die Bänke des Festzeltes mit dem neuen Biere. - Die Braujungen und Gesellen legen den Herren die Lederhosen an und geduldig und schmunzelnd sitzen die Stadtväter beim Bier und auf dem Bier, bis die Lederhosen an der Bank festkleben und damit die Güte des Bieres festgestellt ist.

Nicht ohne Erregung der Gemüter einerseits und angenehme Unterbrechung andrerseits bereitet sich dieser wichtige Augenblick vor. Unter die festfröhliche Menge hat sich auch einer ohne Festgewand geschlichen, einer, der vor Jahren wegen aufrührerischer Reden aus der Stadt verwiesen war, der Bernauer Bürgersohn Albert Henze, und der just an diesem Tage zurückkehrt, um im Guten oder Bösen um sein Mädchen zu werben, die Tochter des Bürgermeisters Lüttke, Berta. - Im Laufe des Festes kommt es zwischen ihm und dem erkorenen Bräutigam der Bürgermeistertochter, dem jungen, reichen Brauersohn Guido Bütten zum Streit, dessen Ende die Festnahme der Streitenden zur Folge gehabt hätte, weil der Bürger-meister mit der Wahl seiner Tochter nicht einverstanden ist , wenn nicht Albert Henze im kritischen Augenblicke verraten hätte, daß die Hussiten auf dem Wege nach Bernau seien und den Frieden der Stadt bedrohen. Alle Familienzwistigkeiten treten jetzt zurück gegen die Sorge für das Wohl und Wehe der Stadt. - Die Wahrheit von Albert Henzes Aussagen, den der Bürgermeister aufs neue ausweist, wird fast im selben Augenblicke erkennbar, denn vom Festplatz her nahen in großer Bestürzung die Ratsherren in Begleitung des alten Schäfers, dem die Hussiten übel mitgespielt haben, sie hatten ihm beide Ohren abgeschnitten und ihn davongejagt als Schreckensboten für die offenen Dörfer. - Das fröhliche Festgetümmel verstummt, als er berichtet, daß die Hussiten im Anzuge seien und größer noch wird die Bestürzung, als die Bauern von Schmetzdorf, Ladeburg und Rüdnitz mit Weib und Kind, mit Sack und Pack unter großem Lärm heranziehen, um von der Stadt Bernau Schutz zu erbitten. Ein Schrecken ergreift die Menge und vorzeitige Verzweiflung macht sich in vielen Gruppen bemerkbar. Frauen und Mädchen jammern um ihre bedrohten Angehörigen. - Da greift der Bürgermeister mit seinen Ratsherren kräftig ein, mit festem Mut und in zündender Rede stärkt er die Zweifelnden und feuert die Mutigen an, heimattreu die Stadt zu verteidigen. – Zum Kurprinz Friedrich von Brandenburg schickt er den Syndikus Bütten. - Erst leise von einzelnen, dann immer stärker anschwellend singen alle das ,,Media vita“, das noch lange hinter der aufgezogenen Zugbrücke und den Mauern der Stadt hörbar ist.

Es war die höchste Zeit, daß sich die Bernauer hinter den schützenden Mauern der Stadt bar-gen. Kurze scharfe Signale ertönen aus der Ferne, kommen näher und Koska, der Hussiten-Feldherr mit seiner Begleitung sprengt auf den Platz, der soeben noch der harmlosen Freude der Bürgerschaft gedient hat.

Ein wildes, kriegerisches Lagerleben entwickelt sich jetzt auf dieser Stätte und Albert Henze, den haßerfüllten Bernauer, sehen wir gefesselt bei den Hussiten, denen er Kundschafterdiens-te tun will. Verschmähte Liebe, der Haß und die Verachtung seiner Landsleute, die ihm als Lohn für seine Warnung zuteil wurden, verbitterten ihn derart, daß er den Feinden den unter-irdischen Gang von der Marienkirche nach dem Georgenhospital zeigt, da ertönt Geschrei und Lärm aus dem Hussitenlager und zu seinem Entsetzen sieht er Berta Lüttke und den Syndikus Bütten gefesselt eingebracht. Berta Lüttke hat mit der Fackel in der Hand dem Syndikus in dem unterirdischen Gang geleuchtet, den Bütten benützen sollte, um sich mit seiner Botschaft an den Kurfürsten mit der Bitte um Hilfe für Bernau durchzuschleichen.

Bütten findet den Tod durch das Hussitenschwert; Berta durchlebt als dem Scheiterhaufen bestimmte Gefangene alle Qualen der Angst, und da sie den einzigen Weg der Rettung nicht gehen kann und will, die Geliebte des wilden Hussitenfeldherrn zu werden, erhebt sie sich zur schlichten Heldengröße, die sogar Albert Henzes Haß besiegt. Zum Kurprinzen nach Spandau schickt sie den wiedergewonnenen Landsmann und erwartet den auf dem Scheiterhaufen für sie bestimmten Tod. Es kommt nicht dazu. Wieder erklingen Hussitensignale und Prokop mit neuen Hussitenscharen sprengt heran, wütend über das lässige Verhalten Koskas, und bringt die Nachricht, daß Kurprinz Friedrich von Brandenburg zum Angriff vorrücke. Schwer läßt sich der wilde Koska bewegen, zunächst von Bernau abzulassen, um der brandenburgischen Reiterschar sich entgegenzustellen.

Schließlich bricht das Heer auf und im Getümmel des Hussitentrosses wird Berta von der eifersüchtigen Geliebten Koskas befreit. Ihr gellender Ruf spornt die Bernauer zur Eile, die Zugbrücke geht nieder und ihr Vater, der Bürgermeister, und ihr Bräutigam mit den Bernauern zu Pferd und zu Fuß nehmen die Verfolgung der Hussiten auf. Mit den Greisen und Frauen durchleben wir die vom Türmer geschilderte Schlacht, in der der Bürgermeister verwundet und von Guido Bütten mit seinen Reitern herausgehauen wird.

Weiter dringen die Bernauer vor und mit dem verwundeten Bürgermeister kehrt Guido mit seiner Schar zurück, da kommen neue Warnungsrufe vom Türmer: Die fliehenden Hussiten haben Verstärkung bekommen und kehren um, auf die Stadt zu. Bürgermeister Lüttke überträgt das Kommando Guido Bütten, das Tor schließt sich, die Zugbrücke geht hoch und auf den Mauern erscheinen nun auch die Frauen mit den heißgemachten Biertrebern, um mit diesem „heißen Brei“ die stürmenden Feinde zu vernichten und nun saust's heran wie die wilde Jagd: Koska voraus, laufen die Hussiten mit Schleudermaschinen, Mauernbrechern, Brand-pfeilen etc. Sturm gegen die Stadt.

In der Ferne, am Berliner Tor, gewinnen sie Eingang bis zur inneren Mauer und von rechts und links tobt der Kampf näher und näher; die Bernauer werden zurückgedrängt in die Stadt, alles ist zu befürchten, da erklingt das gewaltige düstere Media vita und -Bürger und Bauern quetschen die zwischen beiden Mauern eingeklemmten Hussiten in gewaltigem Anprall zusammen, die Hussiten fliehen ins Freie, verfolgt von den siegreichen Städtern und Bauern, Koska selbst kann die Flucht seines Heeres nicht mehr aufhalten. Zum zweiten Mal stürmt er auf Guido Butten ein und schon erscheint dessen Schicksal besiegelt, als Albert Henze, der den Scharen des nahenden Kurprinzen vorauseilte, sich zwischen beide Kämpfer wirft und den Todeshieb auffängt, der seinem einst gehaßten Nebenbuhler galt. Da hört man Die Brandenburger Signale der unaufhaltsam heranbrausenden kurfürstlichen Reiter. Kurprinz Friedrich voran, verscheuchen sie nun gänzlich den Feind und Ruhe tritt ein auf dem vom Krieg verwüsteten Schauplatz. Bürgermeister Lüttke begrüßt den Sohn seines Fürsten wehmutsvoll und erquickt sein Gemüt an der jugendfrischen heldischen Art des Fürstensohnes.

Noch einmal greift die Trauer Platz angesichts des sterbenden Albert Henze, der erst erkennt, daß sein Haß aus der Liebe zur Heimat emporgewachsen war und versöhnt sich mit seinen früheren Gegnern, gelobt von seinem Fürsten nimmt er Abschied vom Leben. Geläutert in schwerer Zeit finden sich Guido und Berta jetzt vereint zum Bunde und als die Glocken aus der Stadt erklingen, die Jungfrauen dem Kurprinzen den Willkommstrank darbieten, da fühlt der Fürst die Größe der Stunde, die Fürst und Volk vereint hat im treuen Wirken für das höchste, das Vaterland, und in gehobener, aber durch das erfahrene Leid gedämpfter und ver-tiefter Stimmung ziehen alle ein in die Stadt, während die Glocken weiter tönen und kriegerische Musik nach und nach verklingt.

Die Künstler des Freilichttheaters Bernau 1911.

Direktor Rudolf Lorenz (hat die gesamte künstlerische Leitung)

Musik: Musikalische Oberleitung Professor Hansmann, Berlin

Orchester: Musikdirektor Liebisch, Stadtkapelle. Einstudierung der Lieder: Herr Musiklehrer Reiser

Einstudierung der Reigen und Tänze v. beruf. Künstler

Darstellende Künstler:

Damen: Dora v. Warberg vom Freilichttheater Hertenstein.

Herren:

Fritz Achterberg vom Schillertheater Berlin.

Fritz Alten vom Stadttheater in Köln a. Rh.

Carl Juhnke vom Bremer Schauspielhaus.

Erich Neubrüger v. Friedr -Wilhelmst. Schauspielh. Berlin

Richard Martiensen vom Neuen Schauspielhaus Berlin.

Erwin Neumann vom Neuen Theater in Berlin.

Ernst Pittschau, Freilichttheater Hertenstein.

Hans Siebert vom Neuen Schauspielhaus Berlin.

Bernhard Wenkhaus vom Freilichttheater Hertenstein

Hilfsregie, Inspektion usw.

Fritz Alten, Hilfsregisseur

Carl Juhnke vorn Bremer Schauspielhaus.

Carl Ristow vom Kgl Schauspielhaus Berlin.

Max Krumpa, Bernau.

Frau lda Calliano vorn Berliner Theater, Souffleuse.

Carl Wagner, Obergarderobier.

Frl Adami. Leiterin der Damenkonfektion.

Richard Finke, Bureaugehilfe.

Für das Freilichttheater Bernau sind tätig:

Entwurf des künstl. Plakats und

Modell des Freilichttheater: Alfred Raum, Wilmersdorf

Stadt- und Wegepläne vom Landmesser Küchenmeister.

Bau:

Entwurf:

Architekt Hans Köhler, Wilmersdorf,

Architekt Horst Doßke, Bernau, Bauleitung.

Ausführung:

Rudolf Bach, Bernau.

Emil Willmann, Maurermeister, Bernau.

Dachdeckermeister Klement, Bernau.

Alwin Schimmel, Maler, Bernau.

Bestuhlungskissen: Rudolph Hertzog, Berlin.

Kostüme, Stoffe, Besätze etc.:

Hermann Schultrich, Bernau.

S. Heymann, Bernau.

Rudolph Hertzog, Berlin

Schuhwerk:

Paul Schmidt, Bernau. Fritz Sieheky, Bernau.

Pelze:

W. Lehmann, Bernau.

Requisiten:

Waffen und Pokale: Otto Pape, Bernau.

Hussitenbier für die Bierprobe liefert die Berliner Bockbrauerei.


Aus Festspielprogramm Bernau 1911

 
festspiel_bernau_1911.txt · Zuletzt geändert: 2011/01/31 16:03 (Externe Bearbeitung)
 
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