Feldzug der Hussiten in die Mark Brandenburg 1432

Für den Feldzug der Hussiten von 1432 gegen die Mark Brandenburg gab es keinen direkten Grund. Er wurde durch keinen Akt der Aggression durch die katholische Seite veranlasst, weder diplomatisch noch kriegerisch.

Die Ausgangslage stellte sich für die katholische Seite des Konfliktes, der Brandenburg angehörte, folgendermaßen dar: Die seit der Verbrennung von Johannes Huss im Jahre 1415 begonnenen Unruhen entwickelten sich bis zum Jahre 1420 zum offenen Krieg mit den hussitischen Kräften. Bis auf wenige Ausnahmen konnten die Katholiken keinen militärischen Erfolg erzielen. Bei einer Anhörung in Eger, die für das späte Frühjahr 1432 angesetzt war, sollte nun auf diplomatischen Weg eine Lösung des Konfliktes gefunden werden. Beide Seiten waren ökonomisch schwer in Mitleidenschaft gezogen worden, wobei die Hussiten durch erfolgreiche Feldzüge bei ihren Gegnern die Versorgungsengpässe schließen konnten. Für die Hussiten war die Zustimmung zum Treffen in Eger der größtmögliche Erfolg, den sie seit Beginn der Auseinandersetzungen erzielt hatten. Erreicht wurde dieser Erfolg vor allen durch die militärische Stärke der hussitischen Partei, vor allem durch die radikalen Bruderschaften der Taboriten und Waisen.

Beide Bruderschaften operierten in der Regel selbständig, nur bei größeren Unternehmungen handelten sie vereint. Im Herbst 1431 unternahmen die Bruderschaften einen gemeinsamen Feldzug gegen die Slowakei. Durch einen Streit der Hauptleute wurden die Waisen bei ihrem Rückzug in große Bedrängnis gebracht und für keine der Bruderschaften brachte der Feldzug die erhoffe Kriegsbeute. Nach ihrer Rückkehr erhoben die Waisen schwere Vorwürfe gegen die Taboriten. Es bestand die Möglichkeit, dass die Bruderschaften untereinander Krieg führen könnten. Dies blieb der Katholischen Seite nicht verborgen. Da dadurch die Verhandlungsposition der Hussiten in Eger im Vorfeld stark geschwächt gewesen wäre, beschlossen die Hussiten auf ihrer Wintersynode einen Feldzug gegen die Mark Brandenburg.

Die Ziele dieses Feldzuges waren: 1. Demonstration der militärischen Handlungsfähigkeit und der inneren Geschlossenheit, um bei den Verhandlungen in Eger die gute Ausgangsposition zu behaupten.

2. Die Verbesserung der Versorgung durch das Erzielen von Beute. Um den eigentlichen Verlauf des Feldzuges darzustellen beziehe ich mich hier auf Prof. Dr. Jecht „Der Oberlausitzer Hussitenkrieg und das Land der Sechsstädte unter Kaiser Sigismund Teil II“.

Im März 1432 begannen die Hussiten in die Lausitz und Schlesien einzufallen. In zwei Heeresverbänden bewegten sie sich durch das Land. Durch schnelle Truppenverschiebungen gelang es den Hussiten, ihre Gegner daran zu hindern, sich zu formieren und eine Bedrohungslage zu schaffen, die ihre Gegner dazu brachte, sich mit ihnen zu einigen.

Das Heer versammelte sich nun bei Guben, wobei ihnen die Stadt die Türen öffnete, um einer Plünderung zu entgehen.

Am 6. oder 7. April erschienen die ersten Hussiten südlich von Frankfurt. Um welche Truppen es sich dabei handelte, bleibt unklar. Nachdem einige Orte in der Umgebung von Seelow angegriffen wurden, bezogen diese Truppen bei bzw. in Müllrose Stellung. Diese Gruppe wurde von den Frankfurtern angegriffen, dabei verloren die Hussiten fast 300 Mann. Diese Ereignisse werden in einem Brief des Vogtes der Neumark (Gebiet östlich der Oder) an den Hochmeister des deutschen Ordens wie folgt beschrieben:

„Das die ketczere iczund zu Gobin und doselbest umme lang ere gelege haben. Und weren am montage (7 April) negest vorgangen herab gerugket wol halbwege ken Franckenfort zu Selow, das sie gepochten dem hern bischophe von Lubus, und sunte Johannis orden gepochten eynen gutten hoff und eyne stat genant Milraze. Do wurden die von Frankfort und ander erbar lute gereit zug und beste have dirniddergeleet, also das der ketczer bie drenhundert sint geblebin, die tod sint geslagen und vorbrant, sunder die von Frankfort mit eren helferen die zit nicht wen eyen man haben verloren.“

„Und sind am Montag (7. April) auf dem halben Wege zwischen Frankfurt und Seelow vorgerückt. Dort haben sie (die Hussiten) den Bischof von Lebus, einen Hof der Johanniter und eine Stadt Milraze (Müllrose) angegriffen. Da (in Müllrose) wurden sie von Frankfurtern und anderen ehrbaren Leuten angegriffen, so dass die Ketzer an die 300 Leute verloren haben, die erschlagen oder verbrannt sind, Ohne das die von Frankfurter einen Mann verloren haben.“

Dieser Brief lässt den Schluss zu, dass die Hussiten schon in ihrem ersten Anlauf in Richtung Lebus vorgerückt sind und dann wieder Richtung Süden gezogen sind. Dabei werden sie wohl auch in der Nähe von Frankfurt vorbei gezogen sein, da der kürzeste Weg von Lebus nach Müllrosse direkt an Frankfurt vorbei führt. Erstaunlich ist das Tempo mit dem dieser Vorstoß vorgetragen wurde: Die kürzeste Verbindung der angegebenen Orte wäre ca. 120 km, dabei wurden noch die Ortschaften angegriffen. Wenn der Angriff auf Müllrose am 10. April stattfand, ist das eine erstaunliche Leistung dieser hussitischen Abteilung. Für andere Feldzüge beschreibt Jan Durdik in seinem Buch „Hussitisches Heerwesen“, dass die Hussiten ihre leichte Reiterei oft als Vorhut vorausschickten, um das Umfeld zu erkunden. Dies könnte die Geschwindigkeit des Trupps erklären, aber zu regelrechten Plünderungen kann es in diesen Fall nicht gekommen sein. Es wäre durchaus möglich, dass sich die Vorhut nach Müllrose begeben hat, um die Ankunft des Hauptheeres zu erwarten. Der Angriff der Frankfurter am 10. April machte dies aber zunichte. Der weitere Feldzug der Hussiten lässt darauf schließen, dass der Verlust der 300 Männer dem Feldzugsplan nicht weiter geschadet hat. Am 13. April erscheint das Hauptheer der Hussiten vor Frankfurt und zerstört die Vorstadt. Von einer Belagerung kann in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden, da die Angreifer schon am nächsten Tag (dem 14. April) vor Lebus auftauchen und den Ort vollkommen zerstörten. Am 17. April werden Müncheberg und Buckow Opfer der Angriffe, am 18. April Straußberg. Um den 20. April lagern die Hussiten bei Gersdorf (in der Nähe von Freienwalde und Eberswalde), dabei wird das Feldlager mit einer Größe von 5000 Mann angegeben.

Die Zahl der Hussiten kann aber durchaus höher gewesen sein, da die übliche Stärke eines Feldheeres ca. 5.000 Mann war. Man kann davon ausgehen, dass die Taboriten und Waisen den Feldzug als eigenständige Feldheere begonnen haben und somit die Gesamtstärke der Hussiten ca. 10.000 Mann betragen haben kann. Nach dem Abbruch des Feldlagers beginnt die Bewegung der Hussiten nach Süden. Zwei Ursachen spielen für den Richtungswechsel sicher eine große Rolle. Erstens wird den Hussiten nicht verborgen geblieben sein, dass Johann von Hohenzollern Anstrengungen unternommen hat, um sich den Hussiten entgegen zu stellen.

Zweitens soll es den Hauptleuten ermöglicht werden, an den Verhandlungen in Eger teilzunehmen. Wer genau das Heer der Hussiten angeführt hat ist bis heute nicht geklärt. Auch im aktuellen Standardwerk zur hussitischen Revolution wird diese Frage nicht abschließend beantwortet. Es liest sich aber in den Fußnoten so, als ob Smahel davon ausgeht, dass Prokop der Kahle zu den Anführen gehört hat. Am 23. April 1432 standen die Hussiten vor Bernau. Diesem Ereignis kommt innerhalb des Feldzuges eine besondere Stellung zu. Entscheidend waren hier allerdings weder die militärische Handlung, noch der Einfluss auf das Ergebnis des Feldzuges, sondern die darauffolgende Erinnerungskultur (Hussitenfest Bernau). Gesichert ist allein, dass die Hussiten am 23. April die Stadt angegriffen haben und diese nicht erobern konnten.

Eine Urkunde von 1441 von Bischof Stephan von Brandenburg enthält folgenden Wortlaut:

„… Außerdem haben wir aus dem Vortrag der vorsichtigen Bürgermeister und Ratsherren der Stadt Bernau erfahren, dass im Jahre d. H. 1432 am Tage des heiligen Georg die gedachte, ihre Stadt durch die Hussiten aus Böhmen belagert und bedrängt war, und dass die in der Stadt befindlichen Einwohner die Einnahme und der Zerstörung der Stadt als augenscheinlich bevorstehend, stark befürchteten, daher sie durch Gnade des allmächtigen Gottes und die Vermittlung des heiligen Georgs, dessen Gedenktag und Jahresfest damals grade gefeiert wurde, von der Gefahr dieser Zerstörung der Stadt durch die Hussiten befreit wurde….“

Glaubt man dieser Urkunde, so lässt sie neben den genauen Termin der Ereignisse noch einen anderen Schluss zu. Die Hussiten waren in genügend großer Zahl vor Bernau erschienen, um den Bewohnern der Stadt gehörig Angst einzujagen. Die noch heute zum Teil erhaltenen Verteidigungsanlagen der Stadt legen aber nahe, dass ein kleiner Trupp wohl nicht zu Besorgnis geführt hätte, so dass das ganze Heer oder ein großer Teil des Heers vor Bernau gelagert haben muss. Ein anderer, bisher wenig gewürdigter Aspekt könnte bei der Truppenstärke ein Rolle spielen.

Jecht beschreibt die Truppenbewegung bis nach Frankfurt sehr genau. Dabei wird immer wieder betont, wie sich die einzelnen Gruppen der Hussiten je nach Bedarf trennten und wieder zusammenzogen. Ab Frankfurt unterlässt er diese genaue Beschreibung. Wenn die Hussiten, was sehr wahrscheinlich ist, diese Taktik beibehalten haben, würden sich auch die für die damalige Zeit schnelle Abfolge der Plünderungen einfacher erklären lassen. Die Hussiten handelten nicht als geschlossene Einheit, vielmehr bewegten sie sich in mehreren großen Verbänden durch das östliche Brandenburg. Somit wird vor Bernau eine der Gruppen erschienen sein, stark genug um Bernau zu bedrohen, aber zu schwach um Bernau einzunehmen. Ein weiterer Hinweis hierfür findet sich in Durdiks „Hussitisches Heerwesen“, worin er er den Zug der Wagenburgen beschreibt: Diese rückten nicht als geschlossener Verband vor, sondern bewegte sich in mehreren Zügen durch das Land. Dabei bestand eine enge Nachrichtenverbindung unter den Zügen, sodass sie schnell zusammengezogen werden konnten.

Wie nun der Angriff genau vonstattenging, ist nicht nachzuvollziehen. In einer Stadtchronik wird von einem hölzernen Bollwerk vor der Stadt gesprochen, die Bernauer hätten zudem einige Hussiten erschlagen und verbrannt. Unstrittig ist auch, dass die Hussiten ohne weiteres weiter gezogen sind. Ob sie am 24. April Werneuchen und Altlandsberg verwüstet haben, ist nicht ausgeschlossen, aber auch nicht zu beweisen.

Der weitere Rückmarsch wurde nicht behindert, so dass die Hussiten nach dem 5. Mai wieder in Böhmen angekommen sind.

Auch wenn bei diesem Feldzug keine großen Schlachten stattgefunden haben, stellt er, in seiner Gesamtheit, doch eine taktische Meisterleistung der Hussiten dar. Die Verhandlungen fanden wie geplant statt und die Hussiten konnten der katholischen Seite weitreichende Zugeständnisse abringen.

Literatur: Sello Georg / Die Einfälle der Hussiten in der Mark Brandenburg und ihre Darstellung in der märkischen Geschichtsschreibung / Zeitung für preußische Geschichte und Landeskunde Jg. 19, Berlin 1882, Seite 614 - 666

Goerlitzer, Dr. Max / Der husitische Einfall in die Mark im Jahre 1432 / Wissenschaftliche Beilage zum Jahresbericht der Luisenschule in Berlin Ostern 1891 / R. Gaertners Verlagsbuchhandlung Hermann Heyfelder

Jecht Dr. Dr. Richard / Der Oberlausitzer Hussitenkrieg und das Land der Sechsstädte unter Kaiser Sigmund Teil 2, S. 322-340, Görlitz 1916

Smahel Frantisek / Die Hussitische Revolution B. III, S. 1537–1538, Hannover 2002, Hahnsche Buchhandlung

Jan Durdik / Hussitisches Heerwesen / Deutscher Militärverlag Berlin 1961

Karte Feldzug 1432

Holger Herzog 2010/07/08 09:20

 
feldzug_in_die_mark_brandenburg_1432.txt · Zuletzt geändert: 2013/11/03 21:06 von stuenz
 
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