Der Laienkelch

Die hussitische Revolution wird oft durch den Kelch symbolisiert. Aber inwieweit war der Kelch für die Bewegung von Bedeutung?

Neben den brennenden Scheiterhaufen von Jan Hus und Hieronymus von Prag ist die Abendmahlfeier mit Wein und Hostie ein für alle nach außen hin sichtbares Element der Bewegung.

Für die Reformbewegung war die Frage des Kelches, also ob der Laie den Kelch mit Wein als Symbol des Blutes Christi erhalten soll, am Anfang von untergeordneter Bedeutung. Das Problem des Schismas und der allgemeinen Verweltlichung der Kirche bedurften zwingender Reformen.

Sicher ist die Eucharistie, also die Danksagung mit der Einnahme des Abendmahls, von zentraler Bedeutung für alle Christlichen Kirchen. Das jüdische Passahfest erfährt durch Jesus eine erweiterte Bedeutung. Das Brotbrechen wird zum Symbol des Opfers von Jesus, dem Sohn Gottes, zur Vergebung der Sünden. Mit der symbolischen Opfergabe durch Jesus am Vorabend der Kreuzigung wird der letzte entscheidende Bruch mit der Jüdischen Religion getan.

Matthäus26/19 - 30

Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm. Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen. Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln, ihn zu fragen: Herr, bin ich's? Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch (a) weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. (a) Lk 17,1.2 Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich's, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es. Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. 1. Kor 10,16; 11,23-25 Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein (a) Blut des (b) Bundes,* das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. (a) 2. Mose 24,8, (b) Jer 31,31; Hebr 9,15.16/Z *Luther übersetzte: »des (neuen) Testaments«. Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich von neuem davon trinken werde mit euch in eines Vaters Reich. Und als sie den (a) Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg. (a) Ps 113-118

Das Abendmahl wurde nachfolgend in Form von ungesäuertem Brot und Wein als Symbol für Leib und Blut in beiderlei Gestalt eingenommen. Dabei setzte sich die Meinung durch, daß sich bei der Einnahme des Abendmahls Brot und Wein tatsächlich in den Leib und das Blut Jesu verwandeln und somit der Sohn Gottes in der Handlung real präsent ist. 1215 er-hebt das 4. Laterankonzil dies zum Dogma. Der Kelch wurde den Laien Schritt für Schritt vorenthalten, mit der Entscheidung des Konzils wurde er nun ganz entzogen.

Das Ziel der Reformbewegung in Böhmen war letztlich die Rückführung der verweltlichten Kirche zur Urkirche, das heißt zum Zustand der Kirche bei ihrer Entstehung. Die Vorenthaltung des Blutes Christi war ein weiteres Zeichen für die Entfernung vom Evangelium. So ist der Widerspruch zur Bibel in der Handlung selbst offensichtlich. Das Brot bleibt bei den Laien, doch wird der Wein vom Priester stellvertretend getrunken. So wurde und wird bis heute argumentiert, daß Jesus in beiden Elementen, also im Brot und im Wein, vollkommen ist. Es ist somit für die Heilswirkung ausreichend, die Hostie zu empfangen.

Während also in der römischen Kirche die oben genannte Praxis eingezogen war, bestand in der orthodoxen Kirche der ursprüngliche Ritus, die Gabe von Wein und Brot, weiter.

Die Kelchgabe an die Laien ging nicht auf Initiative oder Vorschläge von Hus zurück. Viel-mehr entstammt sie dem Reformkreis um Peter und Nikolaus von Dresden und Jakoubek von Mies. Die ersten Zeugnisse des Laienkelches sind aus dem Jahr 1414. Die Chronik des Laurentius von Brezová gibt die Kirchen Sankt Adalbert, Sankt Martin in der Mauer, Sankt Michael und die Bethlehemkapelle als die Gotteshäuser an, in denen die Kelchkommunion in Prag begann. Laurentius nennt Jakoubek von Mies ausdrücklich als ersten Priester, der das Abendmahl in beiderlei Gestalt reichte.

Hus selbst soll seine Anhänger gebeten haben, die Kelchfrage nicht weiter voran zu treiben. Hus fürchtete mit Recht, daß die Kelchkommunion seine Position vor dem Konstanzer Konzil noch verschlechtern würde. Erst als Hus merkte, daß er Konstanz nicht lebend verlassen würde, gab er seine öffentliche Zustimmung zum Kelch. Strittig blieb auch in hussitischen Kreisen der Realpräsenz die Häufigkeit der Kommunion und der Kinderkommunion.

Unter der Realpräsenz ist die tatsächliche Wandlung der Elemente Wein und Brot in das reale Blut und reale Fleisch Christi zu verstehen. Wiclif zum Beispiel vertrat die Meinung, daß Wein und Hostie in ihrer Substanz erhalten blieben und nur der Gläubige allein kann durch seinen Glauben an Gott die Heilswirkung des Abendmahls erlangen. Im Kolleg „Zur Schwarzen Rose“ in Gaben folgte man der Ansicht Wiclifs, so daß man die Reformkreise um Niko-laus und Peter von Dresden mit einigem Recht als echte Wiclifiten betrachten kann. Ganz im Gegensatz zu Jakoubek von Mies oder gar Johannes Hus, die an die Realpräsenz, also die Wandlung glaubten und somit in diesem Punkt nicht Wiclif folgten. Diese Unterscheidung setzte sich auch in späteren Reformbewegungen und unter späteren Reformern fort. Luther war von der Realpräsenz überzeugt, dem standen die Reformer Zwingli und Calvin gegen-über, die der Lehre Wiclifs folgten. Unter den Hussiten war die Wandlung von Wein die vor-herrschende Ansicht. Dieser Umstand machte auch die spätere Einigung mit Rom einfacher.

Dramatisch wurde die Lage, als sich vor allem in Tabor die Pikarden (Picarden) auszubreiten begannen. Diese Sekte hatte vermutlich ihren Ursprung in der Picardie in Frankreich. Die Anhänger sollen nach Böhmen gegangen sein, da sie hofften, hier ihre Form des Glaubens ausüben zu dürfen. In der ersten Phase der Revolution traten sie nicht oder nicht wesentlich in Erscheinung. Im Jahr 1420 beklagte oben genannter Laurentius die um sich greifende Häresie der Pikarden. Das Abendmahl nahmen sie wie ein gewöhnliches Mahl. Sie verzichteten auf alle Ornate, die Gefäße waren Alltagsgegenstände und das Brot war gewöhnliches Brot. Dies alles war möglich, da die Pikarden davon ausgingen, daß alles nur eine symbolische Handlung sei; Jesus am Kreuz gestorben, er aber nur einen Leib besessen habe und somit sich die Substanz des Weines und des Brotes nicht verändern könne. Die Pikarden wurden von den Hussiten selbst verfolgt. Wenn man ihrer habhaft wurde, so mußten sie meist mit ihrem Leben bezahlen.

Nach zähen Verhandlungen konnten die Hussiten mit der Annahme der Prager Compactaten (1433) erreichen, daß den Laien der Kelch vorerst nicht wieder entzogen wurde.

Siehe auch:

Das hussitische Heer

die_bethlehemkapelle_in_prag

huss_johannes

hussiten_zeittafel

hussitische_symbole

hussitischen_revolution


Autor: Holger Herzog; Trivium

 
der_laienkelch.txt · Zuletzt geändert: 2011/01/31 16:03 (Externe Bearbeitung)
 
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