Das hussitische Heer

Viel zu oft wird mit einer falschen Vorstellung an die Betrachtung der Hussiten herangegangen. Es vermischen sich häufig Bilder von wilden Barbaren aus dem Osten mit dem Eindruck einer Armee der armen Landbevölkerung. Dieses Bild entstand vor allem durch die Propaganda, die schon während der Hussitenkriege einsetzte und auch danach noch weiter betrieben wurde. Anlässe waren unter anderem nach dem Ende der Auseinandersetzungen mit hussitischen Feldheeren die Bauernkriege in Deutschland, der Dreißigjährige Krieg und die Vorbereitung der Annektierung des Sudetenlandes durch Nazideutschland. Das Bild des Bauern-heeres wurde vor allem durch die sozialistische Geschichtsschreibung dadurch gebildet, in-dem diese die Hussiten zu einer Frühkommunisten-Streitmacht der Armen erklärte. Böhmen war aber zu dieser Zeit, trotz aller inneren Krisen, eines der wirtschaftlich weitest entwickelten Regionen in Europa. Es gab neben reichen Städten mit ihren wohlhabenden Bürgern eine ebenso gut entwickelte Landwirtschaft. Als nationale Bewegung waren alle Klassen und Schichten vertreten. In den Feldheeren, aber auch in den städtischen Aufgeboten waren neben hohen Adel ebenso Bürger und Priester zu finden, natürlich stellten die Bauern die größte Gruppe in den Verbänden dar, da sie ja auch den größten Anteil an der Bevölkerung stellten.

Ab wann kann man von einem hussitischen Heerwesen sprechen? Als es nach der Verbrennung des Jan Hus (1415) zu ersten Auseinandersetzungen kam, waren diese noch ungeordnet, selbst die Ereignisse in Prag (1419), die zum ersten Prager Fenstersturz führten, hatten noch eher den Charakter einer Revolte. Erst durch die Bedrohung von außen nach der Ausrufung des 1. Kreuzzuges gegen die Hussiten konnte innerhalb der Hussiten eine erkennbare, wenn auch oft brüchige, militärische und politische Struktur entstehen. Mit der Schlacht von Sudomer (25.03.1420) und der Niederlage des 1. Kreuzzugheeres am Vitkov bei Prag (Heute Zizkov in Prag) (14.07.1420) stellten die Hussiten ihre Schlagkraft und taktische Überlegenheit unter Beweis. Beide Schlachten sind untrennbar mit dem Namen Johann Zizka von Trocnov verbunden, sein taktisches Geschick und seine militärischen Fähigkeiten haben in beiden Fällen wesentlich zum Sieg beigetragen.

Die Position von Zizka am Anfang der hussitischen Revolution ist nicht ganz klar zu definie-ren, denn bei der Wahl der Viertelhauptleute in Tabor (eigentlich Hradiste auf dem Berge Tabor) war Zizka nur zweite Wahl hinter Nikolaus von Hus. Während der Belagerung von Prag im 1. Kreuzzug wurde Nikolaus von Hus nach Tabor zurück gesandt, um Tabor gegen die Truppen des Ulrich von Rosenberg und die Österreicher zu verteidigen. Die Entsendung von Nikolaus von Hus für diese wichtige aber eben auch sekundäre Aufgabe läßt schon einen Machtkampf zwischen ihm und Zizka vermuten. Durch den Tod des Nikolaus von Hus am 24.12.1420 wurde die Frage auf natürlicher Weise zugunsten von Zizka entschieden.

Wesentliche Elemente und auch heute noch am bekanntesten waren die Kriegswagen und der massenhafte Einsatz von Schußwaffen. Dies allein erklärt aber noch nicht, wie es Zizka möglich war, immer wieder mit einer zahlenmäßigen Unterlegenheit Schlachten für sich zu entscheiden. Bei der Betrachtung des Verlaufs einiger Treffen fällt auf, daß er immer wieder das Gelände optimal ausnutzte. Weiter ist die strenge Unterteilung der Waffengattungen in Kampfwagen, Fußvolk, Reiterei und Artillerie und die Abstimmung ihrer taktischen Aufgaben für diese Zeit etwas vollkommen Neues. Typisch sind für Zizka auch die unkonventionellen Taktiken wie Nachtangriffe oder der Einsatz von Feuerwaffen aus fahrenden Wagen im Frontalangriff.

Ein weiterer Faktor ist die Moral, die meisten der hussitischen Kämpfer waren von ihrer göttlichen Aufgabe beseelt. Beispielhaft hier ein Zitat aus der Chronik des Laurentius Brezová, er beschreibt darin den Kampf am Vitkov: …Eine von den vorgenannten Frauen gab sich Mühe, auch wenn sie ohne Waffen war, den Mut der Männer zu besiegen, denn sie wollte ihren Fuß von ihrem Platz nicht zurückziehen. „Vor dem Antichrist“ sagte sie, „darf ein gläubiger Christ nicht weichen!“ – Und indem sie solcherweise begeistert kämpfte, wurde sie getötet und hauchte ihren Geist aus. …Wenn auch dies nicht unbedingt so geschehen sein sollte, zeigt es doch anschaulich die Stimmung unter den Kämpfern. Mit der Aufstellung von Heeresordnungen wurden zusätzlich disziplinarische Vorschriften aufgestellt, auf deren Durchsetzung streng geachtet wurde. Überliefert ist das Lied „Die ihr Streiter Gottes seid“, in diesem sind alle wesentlichen disziplinarischen Elemente der Heeresordnung enthalten.

In der sozialen Zusammensetzung der hussitischen Streitmacht bildeten die Kämpfer bäuerlicher Herkunft die größte Gruppe. Ihnen folgen Menschen aus der Stadtarmut, Studenten, Gesellen, Handwerker, niederer und höherer Adel. In Führungspositionen sind nicht selten Priester zu finden.

Im Verlauf der Kämpfe bildeten sich die Feldheere der Hussiten, die Stärke eines Feldheeres betrug etwa 6000 bis 7000 Mann zu Fuß und 300 Wagen, ca. 360 Handfeuerwaffen, etwa 36 kleinere Geschütze und 6 größere Geschütze. Für größere Schlachten vereinigten sich die Feldheere mit den Heimatheeren (Städtische Aufgebote usw.). Die Entwicklung des hussitischen Heeres, die 1420 begann, war bis zum Jahr 1426 soweit vorangeschritten, so daß die Gegner auf ihrem eigenen Territorium angriffen werden konnten. Das ständige Heer der Hussiten umfaßte nun 14000 Mann. Zum Feldzug 1428/29 gegen Meißen und Bayern beispielsweise konnten die Hussiten 2500 Wagen, 3000 Handfeuerwaffen, 300 kleinere Geschütze und 60 größere Geschütze und 5 oder mehr Belagerungsgeschütze aufbieten. Die Gegner der Hussiten versuchten, nach ihren Niederlagen die Hussiten in der Ausrüstung und Heeresordnung zu kopieren, aber nur mit mäßigem Erfolg. Es ist auch bezeichnend, daß sich in der letzten großen Schlacht (Lipan 1434) zwei hussitische Heerhaufen gegenüber standen und die gemäßigten Hussiten nach ihrem Sieg faktisch ungeschlagen zu einer Einigung mit dem Papst und dem deutschen König kamen. Nach dem Ende der radikalen Bruderschaften, das mit der Niederlage von Lipan eingeleitet worden ist, wurden die Böhmen sehr häufig als Söldner angeworben und ihre Kriegskunst verbreitete sich in ganz Europa. Im Fazit ist das hussitische Heer nicht, wie anfänglich erwähnt, ein „wilder“ Bauernhaufen, sondern ganz im Gegenteil für diese Zeit, in Ausrüstung, Taktik und Befehlstruktur, die modernste Armee Europas.

Siehe auch:

der_laienkelch

die_bethlehemkapelle_in_prag

huss_johannes

hussiten_zeittafel

hussitische_symbole

hussitischen_revolution

Ktoz jsu bozi boyownici


Autor: Holger Herzog; Trivium

 
das_hussitische_heer.txt · Zuletzt geändert: 2013/10/31 17:06 von stuenz
 
RSS - 2007 © 7throot HeadQuarters